Briefliteratur & Tagebuch

Das gelehrte Haus als Bücherwurm - Umberto Eco ganz in seinem Element

Er ist weltbekannt, vielmillionenfach gelesen und bleibt der italienische Intellektuelle par excellence. Vor allem aber schreibt Umberto Eco wie ein Besessener (der er nicht ist) ein Buch nach dem anderen. Wie kommt der Mailänder Professor, Schriftsteller, Sprachphilosoph und Tagespublizist noch dazu, sich ganz nebenbei und mit großem Vergnügen durch einen riesigen Berg von Büchern zu lesen?

Das bleibt das Geheimnis des Tausendsassas. Was es mit Bücherwürmern wie ihm auf sich hat, wie das Sammeln zur Sucht werden kann oder welche Sternstunden es beim Entdecken rarer, schöner Ausgaben gibt, all das beschreibt Eco (77) in «Die Kunst des Bücherliebens», eine Kollektion von Vorträgen, Reflexionen, Vorworten aus den vergangenen 20 Jahren.

Wie belesen der Semiotik-Professor mit dem Hang zum Mittelalter ist, das weiß jeder Fan der Werke von Umberto Eco. Wer könnte sonst derart tief und ausführlich in die trocken anmutende Materie rund um Theologie und Kirchengeschichte einsteigen, wie er es in «Der Name der Rose» getan hat? In dem Band mit einem Dutzend Essays outet sich Eco nun endgültig als absoluter Bibliophiler, breitet sich über echte und falsche Sammler von Büchern aus. Und er führt vor, was aus seiner Sicht «literarische Narren» sind. Und das ist nicht abwertend gemeint - er liebt es, auf Sammlungen voll bemerkenswerter Abstrusitäten oder auf Theorien zu stoßen, die die Welt auf den Kopf stellen, und in den Buchkatalogen Kurioses zu entdecken, verzapft von bizarren Geistern.

Überlieferungen durch die Stammesangehörigen gibt es nicht mehr: «Heute sind die Bücher unsere Alten.» Denn sie liefern Erinnerung. Bücher verbinden mit Vergangenheit und Geschichte, verhindern ein frühes Verkalken, halten den kritischen Geist intellektuell wach. Für all die Bibliophilen, die es selbst im Internet-Zeitalter als tapfere kleine Minderheit durchaus noch gibt, ist das Sammeln von Büchern - vor allem von Raritäten und schmucken Ausgaben - allerdings noch mehr eine Gefühlssache: Wir sollten «ein Liebesverhältnis zu den Büchern unseres Lebens entwickeln», lautet Ecos Losung. Und wir müssen jene fürchten, die gegen das Gedruckte und damit gegen unser Gedächtnis vorgehen: «Man fängt immer mit Büchern an und endet mit Gaskammern.»

Ein Bibliophiler ist etwas anderes als eine Leseratte, denn der Bibliophile liebt ein Buch nicht unbedingt wegen seines Inhalts. Die gesteigerte Form ist dann die Bibliomanie, wenn der erworbene Schatz tief hinten im Bücherregal versteckt wird, damit niemand davon weiß. Eco fabuliert über die Unterschiede und grenzt die Bibliophilie dabei auch von der jahrtausendealten Passion der Sammelleidenschaft ab: Der Sammler ist manisch und erst dann befriedigt, wenn er alles zu seinem Thema besitzt, den Bibliophilen freut, dass es noch was zu entdecken gibt. Für Eco ist das Büchersammeln jedoch auch ein Akt ökologischerFürsorge: «Wir haben nicht nur die Wale, die Mönchsrobben und die Bären in den Abruzzen zu retten, sondern auch die Bücher.»

Aber Vorsicht! Dem detailverliebten Professore zu folgen, ist auch hartes Brot. Das war schon in «Der Name der Rose» und später dann im «Foucaultschen Pendel» so. Auch in dieser Essay-Sammlung gräbt sich der Bücherwurm Eco unendliche Gänge in die entlegensten Schinken. Er lässt sich über seltsame Bücher wie Heinrich Khunraths «Amphitheatrum Sapientiae Aeternae» oder die Werke «Book of Lindisfarne» und «Très Riches Heures» aus. Da wird nicht alles jeden interessieren, sofern er nicht so ein Büchernarr ist wie der Autor. Und vielleicht ist es auch spannender zu lesen, wer Shakespeare wohl wirklich wahr, oder, witzig-nachdenklich, des Meisters «Innerer Monolog eines E-Books».

Hanns-Jochen Kaffsack, dpa
09.02.2009

 
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Das Buch:

Umberto Eco:
Die Kunst des Bücherliebens

Bild: Buchcover Umberto Eco, Die Kunst des Bücherliebens

München: Carl Hanser Verlag 2009
200 S., € 17,90
ISBN: 978-3-446-23293-8

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