Briefliteratur & Tagebuch

Verdienste in der Mentalitätsgeschichte

Man mag sich erstens fragen, wozu es nötig sei, die Briefe zweier historischer Gestalten zu veröffentlichen, die beide in der zweiten Reihe der Kulturgeschichte stehen. Oder, zweitens, warum dem Leser eine weitere Variante von Prominentenbriefwechseln aus dem Varnhagen-Umkreis zugemutet wird, deren lange Reihe seit Ludmilla Assings fruchtbarer Editorentätigkeit in den Bibliotheken schlummert.

Wäre es nicht mentalitätsgeschichtlich ertragreicher gewesen, einmal ganz andere Konstellationen im vorhandenen Quellenschatz gerade der Krakauer Varnhagen-Sammlung auszuleuchten? Welche Rolle spielte der in allen Monographien stets durch seine Bleistiftzeichnungen zitierte preußische Hofmaler Wilhelm Hensel in der blühenden Berliner Literatur- und Kunstszene? Welche Funktionen hatte die Opernlibrettistin Helmina von Chezy in den kulturell wirksamen Kreisen in Dresden, Berlin und Paris? Wie kann man sich das Netzwerk der damaligen Intelligenz vorstellen, das seine Spuren in den berühmten literarischen Salons des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts hinterlassen hat? Arno Schmidt hat es mit seiner Fouqué-Biographie als erster gewagt, das Kleinteilige des biedermeierlichen Netzwerkes differenziert zu registrieren und darzustellen.

Und dennoch. In der gegenseitigen Bespiegelung Bettinens und des Fürsten wird neben den Exaltiertheiten der beiden Protagonisten auch Beispielhaftes der Zeit sichtbar: einmal mehr die Bedeutung der Briefkultur, die Individualisierung der Formen, die auf die Aufklärung zurückweist und auf die künftige Singularisierung des Individuums in der Gesellschaft hindeutet, sowie auf das Frauenbild der Zeit – gespiegelt in den Verstößen Bettinens gegen eben diese normative Vorstellung. Das Buch gibt, trotz der wissenschaftlich gültigen, einzig richtigen (diplomatischen) Editionspraxis, keinen nennenswerten Erkenntnisfortschritt für die Literaturgeschichte oder Kulturgeschichte. Aber das will es auch nicht. Es ist ein Lesebuch über eine der bewegendsten Zeiten in der deutschen Geschichte, es ist ein Schlaglicht auf zwei schillernde Persönlichkeiten, es ist stellenweise sogar das Psychogramm einer an der Befreiung des Gefühls, an der Formlosigkeit der neuen Zeit leidenden, irrenden Frau. Wenn Goethe die ihn Liebende in Weimar nicht einmal zu sich ließ und sie dennoch sich ihm wieder aufdrängte und auch weiter an seinem Denkmal arbeitete, darin deutet sich bereits das Zerstörerische des romantischen Menschenbildes an. "LeidenschaftsEinbildung" nannte Bettine selbst diesen Zustand, den sie auch dem Fürsten Pückler zumutete.

Spätere Generationen sollten teuer für die vermeintliche Freiheit der Emotion bezahlen. Die romantische Idee des Volkstums und ihr späterer Mißbrauch wären politisch niemals wirksam geworden ohne die Orientierungslosigkeit der Leidenschaftlichkeit, wie sie uns bei Bettina von Arnim so plakativ begegnet und die zunächst ein starkes Gegengift gegen die puristische Rationalität der Aufklärung gewesen war. Um 1830 mußte unter dem Diktat der Vernunft die "Leidenschaft ein Schlüssel zur Welt" werden. Diese kulturhistorische Einordnung des Briefwechsels leisten die Herausgeber leider nicht. Dennoch, es ist ein sorgfältig ediertes, biographisch vielfältig interessierendes Buch, dessen Verdienste in der Mentalitätsgeschichte gewiß sind.

Markus Hänsel-Hohenhausen
05.01.2001

www.haensel-hohenhausen.info

 
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Das Buch:

Enid Gajek/Bernhard Gajek (Hg.):
Bettine von Arnim, Hermann von Pückler-Muskau. Die Leidenschaft ist der Schlüssel zur Welt
Briefwechsel 1832-1844

Foto: Buchcover Enid Gajek/Bernhard Gajek. Bettine von Arnim, Hermann von Pückler-Muskau.

Stuttgart: Cotta 2001
583 S., € 40
ISBN: 3-768-19809-X

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