Briefliteratur & Tagebuch
Samuel Becketts unbestechlicher Blick auf NS-Deutschland, weltweit erstmals veröffentlicht
Wenn man auf "Wikipedia" nach Samuel Beckett sucht, ist zu lesen: "Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und wurde 1969 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet." Zahlreiche Werke zeugen von seinem Schriftstellertum. Doch eines der beeindruckendsten ist nicht etwa "Warten auf Godot", "Endspiel" oder "Das letzte Band", sondern in jedem Fall seine "German Diaries". Die deutschen Tagebücher umfassen die Aufzeichnungen seiner prägenden Deutschlandreise von September 1936 bis April 1937. Es handelt sich dabei um das einzige Mal in seinem Leben, dass der spätere Literaturnobelpreisträger über einen längeren Zeitraum hinweg Tagebuch führte. Und damit sind diese sowohl ein literarisches Ereignis als auch ein überraschendes zeitgeschichtliches Dokument.
Nach jahrzehntelanger philologischer Entzifferungsarbeit seiner extrem engen Handschrift wurden die sechs Notizbücher im August 2026 im Suhrkamp Verlag erstmals weltweit als zweisprachige Ausgabe (bilinguales Original mit deutscher Übersetzung) veröffentlicht. Die Edition umfasst stolze 1.352 Seiten. Eine Mammutaufgabe, vor der man den Hut ziehen muss. Das zeigt sich auch in 63% an Fünf-Sterne-Rezensionen bei Amazon und anhand begeisterter Pressestimmen; wie z.B. "sensationell" von "Welt am Sonntag", "... literarisch wie historisch von großer Bedeutung" von "Bild am Sonntag", "[e]ine editorische Grosstat" von Julian Schütt, "Aargauer Zeitung" oder "[e]s ist eine Zeitreise in den deutschen Abgrund - erhellend, beklemmend, faszinierend" von Martin Oehlen, "Kölner Stadt-Anzeiger".
Im Herbst 1936 steckte der damals 30-jährige Beckett in einer tiefen Lebenskrise: Er hatte seine akademische Karriere abgebrochen, eine Psychotherapie hinter sich und versuchte vergeblich, seinen ersten Roman "Murphy" zu veröffentlichen. Um sich neu zu erfinden und Kunst zu studieren, reiste er für ein halbes Jahr durch das nationalsozialistische Deutschland. Seine Route führte ihn unter anderem durch Hamburg, Berlin, Dresden, München und kleinere Stationen wie Braunschweig, Hannover, Bamberg und Leipzig. Die detailgenauen Aufzeichnungen geben Aufschluss über die Entwicklung von Becketts Ästhetik in dessen Auseinandersetzung mit Literatur und mit bildender Kunst. Aber auch über die Motive des ratlosen jungen Autors, die ihn zur Ausweichbewegung dieser Reise veranlassten. Historisch bedeutsam sind sie wegen des unbestechlichen Blicks, den der irische Autor als teilnehmender Beobachter auf das Deutschland der frühen Nazijahre wirft.
Zentrale Themen der Tagebücher:
- Der unbestechliche Blick auf den NS-Staat: Beckett wurde Zeuge der systematischen "Gleichschaltung" des öffentlichen Lebens, des offenen Rassismus und der Repressalien gegen jüdische Bürger.
- Rettung der "Entarteten Kunst": Kunsthistorisch sind die Tagebücher eine Goldgrube. Beckett suchte in Museen und privaten Depots (unter anderem beim Kunsthändler Hildebrand Gurlitt) gezielt nach expressionistischen und modernen Meisterwerken, die von den Nazis bereits als "entartet" verfemt und aus den Ausstellungen verbannt worden waren.
- Körperlicher Verfall und Missmut: Die Einträge zeichnen sich durch eine bemerkenswerte (und teils skurrile) Radikalität aus. Neben scharfsinniger Kunstkritik dokumentierte Beckett schonungslos seine Geldsorgen, Alkoholexzesse, Zahnschmerzen, Verdauungsprobleme ("rotten" war sein Lieblingswort) und Treffen mit Prostituierten.
- Kulturelle Begegnungen: Die Tagebücher enthalten faszinierende Alltagssplitter, wie etwa seine Begegnung mit dem depressiven Komiker Karl Valentin in München oder seine Enttäuschung über die deutsche Küche.
Literatur, die mit nichts anderem im Bücherregal zu vergleichen ist, durch nichts übertroffen werden kann - viele bekannte Schriftsteller, u.a. Franz Kafka, Thomas Mann, Virginia Woolf und Ingeborg Bachmann, haben Tagebücher geschrieben und veröffentlicht. Aber keines von diesen hat eine ähnlich literarische Qualität wie Samuel Becketts "German Diaries". Für diese Lektüre muss man sich viel, sehr viel Zeit nehmen; und tut dieses auch gerne und von ganzem Herzen. Denn es zeigt uns einen Menschen in Echt, die damalige Realität und eine Gesellschaft, die unser heutigen gar nicht so fremd ist. Allein deshalb sollte man das Buch lesen und dabei ganze Nächte durchmachen. Denn ein Weglegen fällt äußerst schwer. Es wühlt einen auf, macht nachdenklich und bewirkt so manche Veränderung in unserem Denken und Handeln. Etwas, was kaum einem anderen Werk im Bücherregal gelingt!
Auf erzählerisch höchstem Niveau können nicht nur Romane sein, sondern auch Tagebücher; insbesondere wenn diese der Feder von Samuel Beckett entstammen. Die Lektüre von "German Diaries" macht einen nicht nur regelrecht atem-, sondern darüber hinaus auch ganz sprachlos vom ersten bis zum letzten Satz. Gerade in Zeiten wie diesen, in der eine Partei wie die AfD in der Sachsen-Anhalt-Landtagswahl mehr als 44 Prozent holt, ist solch eine von wichtiger, wenn nicht gar wichtigster Bedeutung!
Susann Fleischer
14.09.2026
