Briefliteratur & Tagebuch

Eine Lektre, die Leben verndert

Laut dem Onlineauftritt der TAZ vom 5. Februar 2006 wurden 2005 in Deutschland 8725 Kinder in Vollzeitpflege an nichtverwandte Personen vermittelt. Eine traurige Statistik, die dennoch Platz für Hoffnung lässt. Und die wird noch größer, wenn man Monique Goebels Tagebuch einer Pflegemutter "Weine nicht, ich bin ja da" gelesen hat. In 42 Jahren hat die Autorin etwa 200 Kindern unterschiedlichsten Alters und unterschiedlichster gesellschaftlicher Herkunft eine gewisse Zeitlang ein schönes Zuhause gegeben. Es war ein Abenteuer, und mit dem vorliegenden Buch gibt sie Außenstehenden einen kleinen, aber trotzdem intimen Einblick in dieses. Was man hier in die Hände kriegt, ist eine herzberührende Lektüre, die kein Auge lange trocken lässt und sogar Leben verändert.

Eine Auswahl an Kinder-Einzelschicksalen, derer sich Monique Goebel einst angenommen hat:

- Der zweijährige Paulchen kam als Tagespflegekind in Goebels Familie. Beim Spielen zog er sich eine Beule zu. Am nächsten Tag trug er einen Schaumstoffsturzhelm. Nach einem halben Jahr beschloss Goebel, dass sie auf gar keinen Fall mehr Tagespflege machen möchte.

- Tim, drei Jahre, einer drogensüchtigen Mutter weggenommen: Mit Liebe und Geduld hat Goebel den Jungen nach einiger Zeit endlich trocken bekommen. Nur Tage später wird er von einer Mitarbeiterin des Jugendamtes abgeholt und Goebel hört nie wieder von ihm.

- Die Schwestern Judith (9) und Anna (14), deren Mutter an Krebs gestorben ist. Beide waren sehr schüchterne, zurückhaltende und ängstliche Kinder. Ihr Vater war überfordert mit dem Leben. Die Kinder drohten zu verwahrlosen. Nach vier Monaten kehrten sie zu ihrem Vater zurück, kamen aber noch oft zu Monique Goebel, um sich ein warmes Essen abzuholen oder mit ihren Kindern im Garten zu spielen.

- Janina, 16 Jahre, wurde von Goebels Tochter "angeschleppt". Ihr Zuhause war praktisch die Straße, ihre Freunde waren zweifelhafte Gestalten, ihre Mutter war desinteressiert. Es gab niemanden, der dem Mädchen Halt gab. Ihr Leben bergab schien vorprogrammiert. Inzwischen ist Janina glücklich verheiratet und selbst Mutter.

Jede dieser Geschichten und die anderen in "Weine nicht, ich bin ja da" zeugen vor allem von Liebe, wenn auch oftmals nur auf Zeit. Monique Goebels Hingabe für jedes ihrer Pflegekinder ist regelrecht ansteckend. Nach dieser Lektüre denkt man ernsthaft darüber nach, ein Ehrenamt zu übernehmen oder Menschen ist seinem näheren Umfeld eine besondere Freude zu machen. Das ist insbesondere in Zeiten wie den heutigen wichtiger denn je.

Literatur für das Herz, lebensnah geschrieben, außerdem fesselnd und ziemlich unterhaltsam

Als Leser kann man von Monique Goebels Lebenserfahrungen nur profitieren. Mehr noch: Man sollte sie sich zum Vorbild nehmen. Ihr Pflegemutterdasein ist geprägt von Schatten, aber weitaus mehr Licht. So hat sie positiv auf das Leben ihrer Ziehkinder gewirkt, und andersrum. Jedes Kind hat eine Erinnerung bei Goebel hinterlassen, manchmal auch ein kleine, aber trotzdem schöne Kerbe in ihrem Herzen. Davon erzählt sie in "Weine nicht, ich bin ja da" behutsam, geradezu liebevoll und hoffnungsspendend, dass auf Regen wieder Sonnenschein folgt. Diese Lektüre ist ein ganz besondere. Von Menschen wie Goebel sollte es unbedingt mehr geben. Dann wäre unsere Welt eine bessere.

Vor einer Frau wie Monique Goebel kann man nur den Hut ziehen. Mit welcher Leidenschaft sie für das Glück ihrer Pflegekinder kämpft, ist echt beeindruckend. Da kann sich manch eine oder manch einer noch mehr als eine Scheibe abschneiden. Mein zutiefst empfundener Respekt, außerdem größter Dank für die Autorin, dass sie den Leser mit "Weine nicht, ich bin ja da" ein Stück weit an ihrem Leben teilhaben lässt. Das vermag nicht jeder, noch dazu mit kaum ähnlich starkem Engagement, mit dem Goebel hinter ihren Ziehkindern steht.

Anja Rosenthal 
08.02.2021

 
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Das Buch:

Monique Goebel: Weine nicht, ich bin ja da. Tagebuch einer Pflegemutter

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Langenfeld (Rheinland): Hellwach-Verlag 2016 130 S., 20,00 ISBN: 978-3-943965-05-6

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