Ratgeber

Umdenken , Mitdenken - Handeln

Die Autorin Anna Goeldel ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Seit 2005 hat sie eine eigene Praxis in Berlin, in der sie schwerpunktmäßig Menschen mit Essstörungen behandelt, vorzugsweise im Wechsel von Einzel- und Gruppentherapie. Sie hat aus ihrem Arbeitsalltag ein Buch gemacht, einen Ratgeber und gleichzeitig einen Erfahrungsbericht. Sie macht deutlich, aber belehrt nicht und zeigt trotzdem klar die Defizite  auf. Betroffene kommen zu Wort und offenbaren dem Leser ihr tiefstes Inneres, ihr Leben, ihre Vergangenheit und den Wunsch an die Zukunft. Ein unglaublich unter die Haut gehendes Buch, sensibel, feinfühlig, präzise und ehrlich!

Der Tenor der an Anorexia und Bulimie Erkrankten ist ganz klar: Was hätte ich gebraucht? Und alle Erkrankten antworten zwar auf ihre Weise und doch so erschreckend einheitlich: Liebe, Anlehnung, Respekt, Geborgenheit, Ermutigung, Förderung, Zuhörer, Nestwärme und Verständnis. Immer wieder fehlte es daran. Und jeder der Betroffenen geht anders damit um, sucht an unterschiedlichen Orten nach Trost und Hilfe. Der eine braucht eine Einzeltherapie, der andere eher die Gruppentherapie, der nächste braucht beides im Wechsel und dann gibt es auch welche, die bei Gott Zuflucht finden. All diesen Menschen fehlte es an emotionaler Sättigung in der Kindheit. Sie sind randvoll mit anderen Dingen, aber auf emotionaler Ebene sind sie leer und ausgebrannt. Und so passiert es, dass die Krankheit sich anschleicht, am tiefsten Tiefpunkt Besitz nimmt und sich dann immer mehr breitmacht. Anfänglich sind die Betroffenen dankbar, denn endlich gibt es da etwas das unterstützt, sie nicht alleine zurücklässt, doch es macht sie zum Sklaven und die Sucht ist unaufhaltsam. Die Krankheit hat die Macht endgültig übernommen.

Die Gesellschaft muss ihren Blickwinkel ändern. Es wird nicht "gekotzt" um dünn zu werden, vielmehr ist es die Versinnbildlichung der Probleme. Die Probleme auskotzen! Reintegrierung darf nicht die Angelegenheit eines einzelnen sein, womöglich noch des Erkrankten selbst, sondern muss von der Gesellschaft mitpraktiziert werden. Ganz pragmatisch gesehen gibt es für alle Krankheitsbilder die Unterteilung in Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention, die sich vielfach bewährt hat. Warum nicht auch bei Magersucht und Ess-/ Brechsucht? Die Primärprävention, also gar nicht erst eine Essstörung entstehen zu lassen, wird in diesen Fällen wohl die schwierigste Aufgabe sein. Kein Kind kommt mit einer Essstörung auf die Welt! Warum nicht auch hier Früherkennung, Untersuchungen, Beobachtungen, Therapiemöglichkeiten, Anlaufstellen schon für kleine Kinder? Eine Aufklärung in der Öffentlichkeit, wie es sie auch für Alkohol- oder Drogenerkrankte gibt, ist nötig! Sowie Aufklärung für die Eltern und zwar frühzeitig. Denn momentan gibt es Hilfe und Verständnis oft erst dann, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.

Tanja Küsters
08.06.2009

 
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Das Buch:

Anna Goeldel: Das schaffen wir zusammen!

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Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag 2009
123 S., 8,90
ISBN: 978-3-8372-0372-1

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