Autobiographie

Warum bin ich so lange nicht von diesem Mann losgekommen?

Eine Frau blickt auf ihr Leben zurück: Sie kommt mit ihrer Familie in eine fremde Stadt in einem fremden Land. Dort lernt sie einen ebenfalls verheirateten, aber 20 Jahre älteren Mann kennen, den sie zwar abstoßend findet, sich aber doch irgendwie geschmeichelt fühlt, dass er sich für sie interessiert. Leider ist der Verehrer ein perfekter Lügner. Das macht ihm das Werben leicht - trotz Warnungen aus dem Umfeld der Autorin. Nachdem sie von ihrem Bewerber schwanger geworden ist, reicht sie die Scheidung von ihrem Noch-Ehemann ein. Der Kindsvater macht sich anfangs nur durch Brutalitäten bemerkbar, verspricht aber, sich zu ändern. Jedoch nimmt das gemeinsame Leben nicht den gewünschten Verlauf. Ein Erbe ermöglicht es der Autorin letztlich, das lang ersehnte eigene Traumhaus zu bauen, dessen Fertigstellung allerdings durch die Einmischung ihres mittlerweile Angetrauten gefährdet ist. Schließlich erhält sie im Rahmen ihrer neuen beruflichen Tätigkeit die Möglichkeit, in ihrem großen Haus Patienten in einer Art "Betreutes Wohnen" aufzunehmen. Als sich alles zum Guten zu wenden scheint, hat erneut der Ehemann seine Frau finanziell hintergangen. Endlich findet sie den Mut und die Entschlossenheit, sich von ihm zu trennen und eine neue und glückliche Beziehung einzugehen.

Die Autorin nimmt bei ihrer autobiografischen (Leidens-)Schilderung kein Blatt vor den Mund. Sie vermittelt dem Leser in der Ich-Form schon auf der ersten Seite mit heftigen Worten wie "Monster männlichen Geschlechts, einen Tyrannen und Egoisten", welche Person ihr das Leben zur Hölle gemacht hat. Auch im weiteren Verlauf wird nicht mit negativen Eigenschaften ihres zweiten Ehemanns gespart, und zwar sowohl in körperlicher Hinsicht als auch in den unmöglichsten Verhaltensweisen bis hin zur Misshandlung einer Schwangeren und später sogar einer Vergewaltigung. Umso erstaunlicher ist es, dass sie es nicht schafft, ihren Peiniger zu verlassen. Als Leser kann man den Eindruck bekommen, sie lässt es einfach über sich ergehen. Man kann ihre Beschreibungen fast schon als emotionslos bezeichnen. Allerdings wird an mehreren Stellen der Handlungsstrang unterbrochen, um in der Gegenwart innezuhalten und zum Beispiel festzustellen, dass sie sich jetzt selbst nicht wiedererkennt und sich wieder nichts geändert hat. Zudem rügt sie sich selbst, verurteilt ihre damaligen Handlungen und schämt sich nachträglich für diese Schwäche. Dadurch versucht sie quasi, sich vor sich selbst und anderen gegenüber zu rechtfertigen. Sie konnte damals einfach nicht anders. Das erlaubt dem Leser dann doch, sich genauer in die Lage der Hauptperson zu versetzen und zumindest zu versuchen, sie zu verstehen. Dagegen ist es allerdings bewundernswert, wie die Autorin es trotz aller Widrigkeiten dennoch schafft, ihr berufliches Leben zu organisieren: Sie ist Malerin, Kunsttherapeutin in einer Kurklinik und später in einem psychiatrischen Krankenhaus tätig. Interessanterweise lässt sie sich weder von Schikanen ihrer Vorgesetzten noch von Behörden beeindrucken und geht ihren Weg. Nur privat schafft sie diese Resolutheit eben nicht.

Man fragt sich sicher, warum diese Frau die unvorstellbaren Rohheiten ihres zweiten Mannes fast schon widerstandslos über sich ergehen ließ. Eine vollständige Antwort darauf hat sie selbst immer noch nicht gefunden. Deshalb will sie mit diesem Buch auch nicht nach der wahren Ursache dafür suchen, sondern nur alle ihre Erinnerungen zu Papier bringen. Ihr geht es wohl darum, sich alles von der Seele zu schreiben, um damit endgültig abzuschließen. Am Schluss des Buches ist erkennbar, dass sie erfreulicherweise aufgehört hat, anderen immer nur zu verzeihen. Nicht zuletzt deshalb hat sie den Buchtitel "Liebe verklungen verhallt vorbei" gewählt. Immerhin kann sie das Fazit ziehen: "Die Zeit heilt wirklich alle Wunden … Es hat sich alles zum Guten gewendet!"

Andreas Berger  
03.11.2014

 
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Das Buch:

Gesa GEM:
Liebe verklungen verhallt vorbei

Bild: Buchcover Gesa GEM, Liebe verklungen verhallt vorbei

Frankfurt: August von Goethe Literaturverlag 2014
46 S., € 9,80
ISBN: 978-3-8372-1489-5

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