Autobiographie

Auf und ab im Alltag

„Ein Erfahrungsbericht“ – so ist der Titel des Buches von Kerstin und Werner Augustin unterschrieben. Die Erfahrungen beginnen in der Kindheit, machen ver-stört, zer-stören. Nicht zugelassene Gefühle, versteckte Emotionen, verdrängte Erinnerungen, Lieblosigkeiten – die Liste der Verletzungen ist lang. Hinzu kommt der schmale Grat zwischen Hass und Liebe zu sich selbst, zu anderen, Nicht-Verstehen-Wollen, Nicht-Verstehen-Können, eigene Hilflosigkeit, Hilflosigkeit der Umwelt.

Es ist schwierig für Betroffene, die Zeichen zu erkennen und vor allem damit umzugehen. Das Leben als ein – und mit einem – Borderliner wirft im Alltag so unsäglich viele Probleme auf, dass sie zahlreiche Hürden zu meistern haben, von deren Existenz andere Menschen – „normale“ Menschen – gar nichts wissen. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung, unberechenbar, unübersichtlich mit allen möglichen Konsequenzen für jede nur erdenkliche Situation. Partner und Kollegen wissen nie, was in einem Borderliner vorgeht, wie er reagiert. Möchte er Nähe oder nicht?

Doch Borderliner selbst sind sich selbst oft ebenso fremd. Die Autoren Kerstin und Werner Augustin bringen dem Leser sehr authentisch nahe, welches Gefühls-Chaos im Kopf eines Borderliners herrscht, er selbst ist hin- und hergerissen zwischen seinen Emotionen, Bedürfnissen und Befindlichkeiten. Und jeden Morgen beginnt dieses Chaos auf’s Neue ...

Natürlich wollen Borderliner, dass ihre Umwelt sie versteht und annimmt. Natürlich wollen sie das nicht. Eben dieser Widerspruch schafft eine Distanz, die nur sehr schwer zu akzeptieren und noch schwerer zu überwinden ist. Im Vorwort des Buches sagen die Autoren: „Ach, was reden wir denn. Ihr wollt uns bestimmt auch nicht verstehen. Oder doch?“

Diese Hoffnung besteht immer. Warum sonst würden Kerstin und Werner Augustin so viele Details aus ihrem Leben, aus ihrer Vergangenheit, der Kindheit, erzählen? So sehr sie wünschen, dass Boderliner wirklich im Innersten verstanden werden, so hoffnungslos sind sie. Sie würden gerne „funktionieren“ wie der Nachbar X oder die Kollegin Y – doch meistens wird nicht mal ihr Bemühen erkannt. Und gleichzeitig er- und bekennen sie: „Und JEDER, genau das sind wir nämlich nicht. Obwohl wir gerne JEDER wären.“

ker

03.08.2007

 
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Das Buch:

Kerstin & Werner Augustin:
Unter Käseglocken - Reflexionen Borderline. Ein Erfahrungsbericht

Bild: Buchcover Kerstin, Werner Augustin, Unter Käseglocken - Reflexion Borderline. Ein Erfahrungsbericht

Frankfurt/M.: August von Goethe Literaturverlag 2006
224 S., € 12,40
ISBN: 3-86548-700-9

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