Autobiographie

Von Vögeln und Kafka

Die deutsche Sprache - Jonathan Franzen denkt da an sensationell kurze Röcke, hautenge Tops und ein bisschen Kafka.«Wie ein Klaustrophobiker in einem vollbesetzten Aufzug» sitzt der kleine Franzen in seinem Haus im Mittleren Westen der USA, lernt von einer attraktiven, jungen Lehrerin in «weltverfinsternder Nähe ihrer Brüste» Deutsch und sinniert über Kafkas «Prozess». Mit diesen und ähnlichen Passagen präsentiert sich der US-Erfolgsautor in seiner Autobiografie «Die Unruhezone» - teils ermüdend, teils erheiternd - als hoffnungslos verklemmt und als intellektueller Außenseiter. Nach seinem Bestseller «Die Korrekturen» widmet sich Franzen mit 47 Jahren seiner eigenen Lebensgeschichte. Ganz so tief wie bei der Familie Lambert in den «Korrekturen» tun sich die gesellschaftlichen und familiären Abgründe zwar nicht auf, doch auch die Franzens scheinen das Glück auf Familienheil nicht gepachtet zu haben: Der Vater ist stocksteif, die Mutter umsorgend - aber vom Sohn ungeliebt. Erst als sie todkrank ist, schafft es Franzen, sich positive Gefühle abzuringen. «Am Ende ihres Lebens, als sie Chemotherapie und Bestrahlung über sich ergehen ließ, hatte ich endlich angefangen sie zu lieben.»

In sechs Kapiteln erzählt Franzen von der Kindheit in der amerikanischen Provinz bis hin zu seinem Leben als Schriftsteller in New York. Die ersten kümmerlichen Versuche als Autor mit einem Tagebuch beschreibt er so trocken («die Seiten spiegelten meine Schwindelei und Aufgeblasenheit und Unreife getreulich wider») wie die Reaktion der Eltern auf seinen Berufswunsch («sie waren nicht gerade glücklich darüber»).

Franzen zeigt sich nicht als lebensfroher Typ - und er geht dem Leser mit seinem Pessimismus manchmal auch auf die Nerven. «Ich war ein kleiner und im Grunde lächerlicher Mensch.» Auch um ihn herum - seiner Ansicht nach - nur Elend: «Was mich krank machte, waren all die anderen Menschen auf dem Planeten.» Kein Wunder, dass er, selbst als er bereit dazu ist, keine Partnerin findet - was ihm zu schaffen macht: Als er im Central Park ein Enten-Paar sieht, das Seit' an Seit' dahinschwimmt und gemeinsam im Kraut stochert, bricht er in Tränen aus.Doch letztlich sind Vögel und deren ausgiebige Beobachtung die Erlösung von seiner Frustration: «Sie machten mich so glücklich, wie sonst nichts in der Natur», schreibt er nach einem Exkurs in die Ornithologie. Leider läuft der Autor erst im letzten Kapitel «Mein Vogelproblem» zur bekannten Höchstform auf. Streckenweise dreht er sich allzu sehr um sich selbst und seine trostlose Sicht der Dinge.Dass über 250 Seiten nichts wirklich Aufregendes passiert - darüber täuscht selbst Franzens sarkastische und pointierte Schreibkunst nicht komplett hinweg.

Annette Reuther, dpa
03.04.2007

 
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Das Buch:

Jonathan Franzen:
Die Unruhezone. Eine Geschichte von mir

Bild: Buchcover Jonathan Franzen, Die Unruhezone. Eine Geschichte von mir

Reinbeck: Rowohlt Verlag 2007
256 S., € 19,90
ISBN: 978-3-498-02116-0

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