Autobiographie

Als fiele eine Ratte über den Körper her

Khady findet klare Worte für das Entsetzliche, das ihr mit sieben Jahren widerfuhr. «Es ist ein unerklärlicher Schmerz, der mit keinem anderen vergleichbar ist. Als würde man mir das Gedärm herausreißen.» Als fiele eine hungrige Ratte über ihren Körper her, so beschreibt die 1959 im Senegal geborene Frau ihre Beschneidung. «In meinem ganzen Leben habe ich nichts vergleichbar Gewaltsames erlebt.» Viel später wird sie international bekannt, seit 2002 ist sie Präsidentin von EuroNet, dem europäischen Netzwerk gegen weibliche Genitalverstümmelung. Ihr Buch «Die Tränen der Töchter» schrieb sie mit Hilfe der französischen Autorin Marie-Thérèse Cuny.

Schon in ganz jungen Jahren erlebt die heute 46-Jährige alles Schreckliche, das das Leben in ihrer Heimat für viele Mädchen und Frauen bereit hält - Zwangsbeschneidung, Zwangsehe mit 13 Jahren und Polygamie. Und das geschieht nicht nur in ihrer afrikanischen Heimat, sondern auch in Europa. Denn die in Frankreich lebende Senegalesin verhindert nicht, dass drei ihrer Töchter beschnitten werden - in Paris. Dies ist für sie der Quell einer lebenslangen Qual.

Khadys Erinnerungen an ihre eigene Beschneidung klingen grausig: «Gut fünf Minuten lang schneidet und sägt diese Frau, zerrt und beginnt aufs Neue, um sicher zu sein, dass sie alles entfernt hat (...). An jenem Tag glaubte ich zu sterben und nie wieder aufzuwachen.» Wozu die grausame Operation? Die Mädchen sollen «gereinigt» werden, um Zutritt zum Gebet zu erhalten - «salindé» heißt das in Khadys Dialekt. Es ist eine Tradition, ein Ritual, das aber «rein gar nichts mit Religion zu tun hat», urteilt die Autorin.
Doch diese Tradition ist stark: Die Mütter zu Hause sprechen von Zeit zu Zeit über ihre Beschneidung, als handele es sich um die Zuerkennung einer geheimnisvollen Würde, erinnert sich die Senegalesin.

Das Ungewöhnliche an Khadys Fall: Sie resigniert nicht, sie kämpft gegen die Tradition und gibt auch trotz des Drucks ihres viel älteren Ehemanns, mehrerer Vergewaltigungen und fünf aufgezwungener Schwangerschaften nicht auf. Vielleicht gerade deswegen, denn sie glaubt fest daran, dass Männer an der Tradition der Beschneidung festhalten, um über Frauen herrschen zu können. Die Zahl der Opfer liegt nach Schätzungen weltweit bei 140 Millionen Frauen.

Nach Angaben von UNICEF werden trotz Verboten in vielen Ländern noch immer jährlich zwei Millionen Mädchen durch Beschneidung ihrer Geschlechtsorgane verstümmelt. Die Beschneidung der Klitoris und teilweise der Schamlippen sei in 28 Ländern Afrikas und einigen Staaten Asiens verbreitet. Infektionen führen bei manchen Mädchen zum Tod, viele Frauen leiden nach dem Gewaltakt unter Depressionen und Angstzuständen. In Deutschland ist Beschneidung als schwere Körperverletzung strafbar. Doch nach einer Schätzung der Hilfsorganisation Terre des Femmes sind mindestens 24 000 Mädchen und Frauen in Deutschland beschnitten.

Als Khadys Buch im Herbst 2005 in Frankreich erscheint, löst es einen Schock aus. Auf den Bestsellerlisten klettert es bis auf den siebten Platz. Trotz schockierender Details hält sich Khady mit pauschalen Anklagen wohltuend zurück. «Man muss erreichen, dass die Frauen nicht an ihren Töchtern, die bereits geboren sind oder noch geboren werden, diese Barbarei wiederholen lassen, unter der sie ihr Leben lang zu leiden haben», mahnt sie. Vielleicht trägt das Buch dazu bei, dass weitere Menschen Mut fassen.

Thomas Strünkelnberg (dpa)
03.03.2006

 
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Das Buch:

Marie-Therese Cuny, Mechtild Russell, Khady:
Die Tränen der Töchter

Bild: Buchcover  Marie-Therese Cuny, Mechtild Russell, Khady, Die Tränen der Töchter

Augsburg: Weltbild Verlag 2006
192 S., € 12,95
ISBN: 3-89897-368-9

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