Autobiographie

Prägendes Lagerschicksal

"Während ich so etwa die Hälfte des Weges hinter mich gebracht hatte, kamen die Bomber in mustergültiger Formation aus Richtung Westen in Richtung Kyffhäuser angeflogen. Sie hatten eine Höhe eingenommen, die es gestattete, die geöffneten Luken der Bombenschächte auszumachen. Es musste also gleich beginnen, das Flächenbombardement! Ich hatte mich in den rechten Straßengraben geworfen, um Schutz zu finden. Da sah ich eine ganz junge Frau neben mir, die mit einem Kinderwagen gleichen Schutz suchte. Ihr Baby lag still in den Kissen. Als die alliierten Bomber fast über uns waren, zog sie eine flauschige Decke über den Kinderwagen. Welch ein kluger Gedanke – oder war es Instinkt? Die Bomben schlugen auf dem Rollfeld vor unserem Straßengraben und bis über die Straße hinweg ein. Wir bekamen nur die aufgewühlte Erde ab. Der Kinderwagen, genauer gesagt die Decke, war voller Erdbrocken, aber das Baby hat es überlebt! Eine junge Mutter im Krieg. Es gab Tausende davon. Nie werde ich vergessen, wie sie die Decke vom Wagen wegzog, und ihr Baby schrie nicht einmal!" – Eine Szene aus Wolfgang Franz’ Bericht über seine Kriegserlebnisse, die jedem Leser nahe gehen wird – eine von vielen ähnlichen, die der Autor während seiner Zeit als Soldat und später als Kriegsgefangener beobachtet hat.

Ein junger Mann wird mit 17 Jahren 1943 zum Kriegsdienst eingezogen. In seiner vormilitärischen Ausbildung versuchte er bereits, einen erwarteten Kriegseinsatz möglichst nicht in der Infanterie durchstehen zu müssen und erlernt das Morsealphabet. Als Funker angefangen, landet Franz aber im Spätsommer 1944 in Ostpreußen. Das Land übt eine starke Wirkung auf ihn aus – es ist noch weitgehend unversehrt, auch die Bewohner sind noch dort, bis es dann zur vordersten Front im sogenannten Ostpreußen-Kessel wird.

Franz schildert seine Erlebnisse quasi in zwei Teilen. Im ersten Teil geht es um die "Vorgeschichte", das Erwerben der zum Funken notwendigen Qualifikationen, die Einberufung, die Ausbildung und das "in Marsch setzen", die Einsätze und die Erfahrungen in der direkten Konfrontation mit den gegnerischen Soldaten, die Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Proviant und Unterkünften, die Gefühle im Graben, die Schilderung des Wahnsinns – in Sichtweite mit dem Gegner ohne passende Ausrüstung stundenlang in Schnee und Eis ausharren, weil jede Bewegung unvermeidlich tödlich wäre.

Im zweiten Teil folgt der Bericht der Zeit als Kriegsgefangener, als "Woina Plenni". Die 3 1/2 Jahre der Kriegsgefangenschaft sind ein Auf und Ab extremer Gefühle. Franz wird in einem Lazarett gut versorgt, macht aber in einem Bitumenlager entsetzliche Erfahrungen. Arbeiten im Wald, im Torflager und das berüchtigte Steineklopfen – Franz schildert seine Erfahrungen und Eindrücke, die er anhand geretteter Notizen und erhaltener Post aus dieser Zeit sehr gut rekonstruieren kann. Die Berichte wechseln sich ab mit kleinen Einschüben, die dem Leser vieles erklären – wie es mit der Brotverteilung funktionierte (so es klappte), geographische Hinweise werden geliefert zu jedem Aufenthaltsort, die jeweilige Situation wird auch mit der gesamten Entwicklung in Bezug gesetzt.

Die extremen Belastungen der letzten Monate, in denen das Leid nur noch durch den Wechsel des Kalendermonats in "schluckbare Stücke" gebracht wird, enden mit der Entlassung eines schwerkranken jungen Mannes, der nur deshalb den Rücktransport machen kann, weil er sich mit letzter Kraft zusammenreißt. Mehr tot als lebendig kommt Franz als 23-jähriger zu Hause in Gera an – die Erfahrungen der letzten Jahre haben sein Leben geprägt, seine Weltsicht grundlegend geändert, ihm Einsichten beschert, die er ohne die Erfahrungen des Grauens und des Verhaltens der Menschen unter unmenschlichen Bedingungen niemals gemacht hätte.

Das Buch geht chronologisch vor, ist aber durch die Einschübe nicht als Kette schrecklicher Erlebnisse, unterbrochen durch wenige schöne Momente, gegliedert, sondern der Autor blickt weit über den Stacheldrahtzaun hinaus in die Landschaft, in die Lebensweise der Menschen dort, in die Geschichte und auch in die Gesamtentwicklung. Immer wieder fügt er auch aus seinem heutigen Erfahrungsschatz Ansichten mit ein – durchaus kritisch und aus all den Erlebnissen heraus verständlich. Für die Leser, die diese Zeit selbst erlebt haben, wird das Buch eine Erinnerung sein, für junge Leser aber ein mahnendes Zeugnis, das ihnen die jüngere Vergangenheit sehr persönlich und anschaulich nahe bringt.

Zeitzeuge sein bedeutet, sich über den eigenen Schmerz, das eigene Leid, die ausgestandenen Qualen hinweg zu erheben und aufzuschreiben, was geschehen ist – um wach zu machen, um zu verdeutlichen, dass Gewalt niemals eine Lösung ist, um zu schildern, was Menschen anderen Menschen antun, aber auch um aufzuzeigen: In aller Not, zwischen allen Qualen, gab es immer wieder winzige Momente des Glücks, erwiesen sich Menschen nicht als Feinde, sondern als hilfreiche Samariter. Den Hunger stillen konnten sie nicht, aber in den Herzen ein kleines wärmendes Licht anzuzünden haben sie vermocht.

Diesen kleinen Begegnungen setzt Franz mit seinem Bericht ein angemessenes Denkmal. Viele Menschen haben seinen Weg in diesen entscheidenden Jahren gekreuzt – nur wenige von ihnen sind später wieder aufgetaucht. Tausende von Gesichtern, für immer gelöscht in einem sinnlosen Kampf. Franz hat es nach Hause geschafft, am 12. November 1948, Jahre nach Kriegsende, kehrt "das Staubkorn im Sandsturm des großen Krieges" heim. Die mitgebrachten Erinnerungen teilt er hier mit seinen Lesern – sehr persönlich und doch so, dass sich viele, zu viele in seinem Text wiederfinden werden. Mögen hoffentlich viele daraus den Schluss ziehen, mitzuhelfen, dass Geschichte in manchen Kapiteln keine Wiederholung erfährt.

csc
04.11.2002

 
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Das Buch:

Wolfgang Franz:
Einmal Baschkirien und zurück. Ein später Bericht

Bild: Buchcover Wolfgang Franz, Einmal Baschkirien und zurück.
Ein später Bericht

Frankfurt/M.: Fouqué Literaturverlag 2000
364 S.
ISBN: 3-8267-4553-1

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