Autobiographie

Spanisch-deutsche Biografie mit einer geheimnisvollen Liebe

Der Sohn hatte sie gedrängt, ihre Lebensgeschichte aufzuzeichnen, und so schrieb Emilia Busse unter dem Titel "Die Nebel der Liebe" das Originalmanuskript in spanischer Sprache. Dieses wurde, nachdem sie 1997 gestorben war, ins Deutsche übersetzt, zunächst von Ernesto Schmutter und dann von ihrem Sohn Victor, der ihren Mädchennamen Camprubi führt. Erschienen ist diese zweite Deutschfassung 2009 bei der Books on Demand GmbH in Norderstedt.

Der Titel verrät auch gleich das Schlüsselthema des Werks. Es geht um Victor Cabral da Silva, den geheimnisvollen Menschen, mit dem Emilia eine tiefe Liebe verband und der in großer Distanz eine seltsam abgehobene Vaterfigur abgab. Victor Cabral da Silva war der Vater ihres zweiten Kindes Victor. Der Sohn lernte den rätselhaften Menschen, der als Spion in Deutschland lebte, erst sehr spät kennen.

Diesen gefühlsmäßig aufwühlenden Vorgängen war eine andere Beziehung vorausgegangen. Emilia war von Manresa in Spanien nach Deutschland gezogen und mit Alfred Busse eine Ehe eingegangen. Bald kam ihr erstes Kind zur Welt, Berta. Doch Alfred starb schon bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Pölitz, nicht einmal vierzigjährig. Die Geschichte beginnt denn auch in Stettin, im Winter 1942, im Hotel Metropole, wo die regsame Emilia Busse als Angestellte tätig war und Victor als Gast kennen und lieben lernte. "Unterhaltung mit Männern", schrieb Emilia, "bereitete mir damals schon immer mehr Freude als die mit Frauen". Sie war offen, geradlinig, selbstbewusst und überaus beharrlich.

In der Folge schwenkt die Geschichte hin und her, zwischen Deutschland und der spanischen Heimat, wo Emilia immer wieder Schutz und Unterstützung fand. Diese Fäden ziehen sich nicht nur durch die Biografie der Familie, sondern auch durch die Lebensart und natürlich auch die wechselnde Sprachdominanz der Familie. Sie habe zwei Heimatländer, bekennt Emilia: ein großes (gemeint ist Deutschland) und ein kleines (Spanien).

Emilias Text liest sich in der deutschen Fassung ihres Sohnes rasch und einfach, die Sprache kommt schnell auf den Punkt und beschreibt die Vorgänge schnörkellos und doch mit sehr viel Aufmerksamkeit. Das Buch präsentiert sich dem Leser nicht nur als Liebesgeschichte, sondern auch als sehr persönliches Zeitdokument.

Emilia fühlte sich in diesem "gut durchorganisierten und kontrollierten" Land sehr gut aufgehoben und wurde auch meistens sehr gut behandelt. Überall fand sie Hilfe, was sie im Krieg schließlich über die Runden rettete. Dabei fällt auf, wie spät erst das Kriegsgeschehen in Emilias Geschichte auftaucht. Zuerst ist vor allem von der Familie die Rede und von ihrer Beziehung zum seltsam verschlossenen Agenten Victor, der sie im Ungewissen über seine Situation lässt, aber in der Liebe konsequent bestätigt.

Anfangs 1943, eben war das Desaster Stalingrad geschehen, rücken der Hitlerstaat und der mörderische Kampf in bedrohliche Nähe. Auffallend: Spät erst entzog sich die Familie, geführt von einer mutigen und aufrechten Frau, dem Bombardement und den vorrückenden Russen. Von Cammin aus ging es los, aufs rettende Schiff, auf abenteuerliche Weise weiter nach Berlin, in Richtung Schweizer Grenze. Überallhin schleppte Emilia außer schönen Erinnerungen auch ihr schlechtes Gewissen mit, ihre Erinnerung an eine Liebe ohne sichere Bindung, ihre Verantwortung vor allem für das jüngere ihrer beiden Kinder.

Erst in der Schweiz vernahm Emilia von der systematischen Judenvernichtung der Nationalsozialisten, und eigentlich erst jetzt bekannte sie ihre Gegnerschaft zu einem Regime der Diktatur und Unmenschlichkeit. Dann führt sie eine gefährliche Odyssee unter schweren Belastungen doch in ihre kleine Heimat zurück.

Die Nebel über ihrer Beziehung, schrieb sie später, lichteten sich überhaupt nie. Von Spanien aus hat Sohn Victor den Weg auf sich genommen und den seltsamen Vater gesucht. Die Beschreibung dieser kurzen Begegnung wird wohl jeden Leser packen, schon weil sie die Quintessenz sehr hart beschreibt: die endgültige Abkehr des Sohnes von seinem Vater, der sich nie echt um ihn gekümmert hatte. "Schon bald darauf nahm er (der Vater) wieder seinen gewohnten Platz in meinem Leben ein - nämlich gar keinen", schließt Sohn Victor seinen Epilog zum Buch seiner großen und starken Mutter.

Ronald Roggen
12.10.2009

 
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Das Buch:

Emilia Busse:
Die Nebel der Liebe

Bild: Buchcover Emilia Busse, Die Nebel der Liebe

Norderstedt: Books on Demand 2009
276 S., € 19,90
ISBN: 978-3-8370-2339-8

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