Autobiographie

Sicht eines Sekretrs

Bei gebildeten Gymnasiasten ist der Ruf der DDR besser, als er zu DDR-Zeiten war. Schuld daran ist nicht Herbert Graf! Herbert Graf? Der Mann hat ein Buch geschrieben, seine Autobiographie, die von der ersten bis zur letzten Seite ein Beitrag ist, den guten Ruf der DDR zu zementieren. Die DDR war Grafs DDR!

1930 geboren, erfuhr er alle erdenklichen Förderungen in der DDR und war ein intensiver, engagierter Förderer mancher Entwicklungen in der DDR. Fast zwei Jahrzehnte (1954-1972) in Armnähe von Walter Ulbricht, hat Graf entscheidende Stunden der Geschichte der DDR als aktiver Teil der Partei- und Staatsführung mitgemacht. Dem Mann darf man zutrauen, dass er weiß, worüber er spricht, wenn er von der DDR spricht. Muss man ihm vertrauen? Muss man nicht!

Eines der gravierendsten Ereignisse der DDR-Geschichte, den Bau der Mauer, absolviert er auf einer Dreiviertelseite. Er zitiert aus einer Betrachtung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", in der im Mai 2007 zu lesen war: "Mitunter ist der Bau eines Schutzwalls ein zivilisatorischer Fortschritt." Diese Stärkung im Rücken, schlussfolgert Graf: "So sah damals nach meinem Eindruck ein großer Teil der DDR-Bürger den Mauerbau". Ein Eindruck, den nur haben konnte, wer in der Enklave von Partei- und Staatsführung lebte. Die Äußerung des Autors als Augenwischerei abtun? Nein, Herr Graf, nein! Der Versuch, DDR-Geschichte aufzuhellen, scheitert jämmerlich.

Immer wieder betätigt und bestätigt sich der Aufheller als Verdunkler. Zuviele Passagen des Buches sehen aus wie die Aufbaubilder des deklarierten "Sozialistischen Realismus" der fünfziger Jahre. Herbert Graf ist, was man zunächst kaum wahrhaben will, ein profaner Propagandist und Polemiker. Mit dem Impetus eines demokratischen Sozialisten propagiert er, wie sozialistisch sich die Demokratie in der DDR entwickelte, wie demokratisch der Sozialismus in der DDR, denn es war Sozialismus und Demokratie in der DDR. Selbst selbstbewusst-kritischen Vertrauten und Verteidigern der DDR werden da die Köpfe heiß. Dass den bewussten wie unbedarften DDR-Gegnern die Haare permanent zu Berge stehen, ist garantiert.

Graf ist ein emsiger Weißwäscher. Seine besten Reinigungsmittel, die er massenweise benutzt, sind Dokumente der Zeitgeschichte und Äußerungen namhafter Persönlichkeiten, deren Sachverstand allgemein anerkannt ist: Über alle ideologischen Grenzen hinweg, Feststellungen und Festlegungen fundamentiert der Verfasser fortgesetzt durch Dokumente und Zitate: Wenn der Autor Adenauer den Nimbus nimmt, der Rückführer der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion (1955) gewesen zu sein, so nimmt er Adenauer nichts, denn die Geschichtsschreibung hat ohnehin bereits korrigiert, was nicht korrekt war.

Wenn Graf seinen hochgelobten Chef Ulbricht gern in der Position des bedeutendsten deutschen Politikers seit Bismarck sehen will, dann hat er als Leumund den unverdächtigen Publizisten Sebastian Haffner neben sich, der dieses Postulat (Adenauer mit eingeschlossen) bereits Mitte der sechziger Jahre der verblüfften Welt verkündete. Haffner hielt Ulbricht für unterschätzt und begründete differenziert, weshalb - auch - der Staatsmann Ulbricht besser war als sein Ruf. Das sprach sich, als der Einfluss des Staatsratsvorsitzenden mehr und mehr reduziert wurde, in der DDR herum, in der Walter für die Bevölkerung vor allem eine Witzfigur war. Ob bis dato eine der Ulbricht-Biographien der Persönlichkeit des Politikers gerecht wird? Trotz der Nähe zu Ulbricht ist Herbert Graf zurückhaltend im Urteil über den Menschen, während er eifrig die Wolle verstrickt, die Haffner geliefert hat.

Aus der Sicht des Herrn Sekretärs haben die Nachkriegsereignisse, die Gründung und das Werden der DDR, der Aufbau des Sozialismus keinen profilierteren Mann an der Spitze gehabt als den Spitzbart, wie Ulbricht von "seinem" Volk genannt wurde. Mit seinem Buch will Graf Ulbricht in die Reihe der großen deutschen Arbeiterführer, von Bebel bis Thälmann, stellen. Genau das haben die Ulbricht-Nachfolger versäumt. Genau das konnte nicht die Absicht der vermeintlichen Sachverwalter der DDR sein. Der Autor hält den Blick weit in die Zukunft gerichtet. Der legt er reichlich Material in den Safe, um den guten Ruf der DDR und Ulbrichts allzeit zu sichern. Zuviel, was der Zukunft da zugemutet wird? Herbert Graf wirft den Widersachern der DDR vor, die "Keule der Systemverdammung" zu schwingen.

Als Pro-DDR-Propagandist schwingt der Verfasser von "Mein Leben. Mein Chef Ulbricht. Meine Sicht der Dinge" schwungvoll die Keule der Systemverteidigung. Keule bleibt Keule. Wer wird wann wem vergeben? Aus welchen Gründen? Wer wird dann zu welchen Einsichten und Ergebnissen kommen?

Bernd Heimberger
17.11.2008

 
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Das Buch:

Herbert Graf: Mein Leben. Mein Chef Ulbricht. Meine Sicht der Dinge

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Berlin: Verlag Das Neue Berlin 2008 542 S., 19,90 ISBN: 978-3-360-01097-1

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