Autobiographie

Wunderbar – bitte weitersagen!

"Stell dir vor, Máire", sagte er. "Gestern Abend, als ich beim Tanz war, haben sie kleine Babys verkauft, und ich habe dir ein Schwesterchen zum Spielen mitgebracht." Mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen ließ ich mich von Daddy aus dem Bett heben und versuchte mir die Szene beim Tanz vorzustellen – Regalreihen voller Babys, und Daddy zeigte auf eines und sagte: "Darf ich mir das kleine Mädchen da einmal ansehen?" "Psst, leise", flüsterte Daddy und schob mich vorsichtig durch die offene Tür ins Elternschlafzimmer. Mammy lag im Bett und hielt ein kleines Bündel in den Armen, das in Póls Babydecke gehüllt war. Ich starrte lange auf das rosige, schlafende Gesichtchen. "O Daddy", sagte ich. "Sie ist wunderhübsch. Wie viel hat sie gekostet?" "Zwei sechzig", erwiderte er. So kam meine Schwester Deirdre in den Haushalt der Brennans.

Am Ende werden im Haus der Brennans sieben Kinder sein – Mitglieder einer der bekanntesten irischen Familien. Die Autobiographie von Máire Brennan ist die Geschichte eines Mädchens, das behütet ein einer Großfamilie im Norden der Insel aufwächst, mit wundersamen Erzählungen des Großvaters in der Manier der alten storyteller, mit einer Menge Spiel, Spaß und noch viel mehr Musik. Der Vater, ein Vollblutmusiker mit einer Big Band, eröffnet eines Tages im Dorf einen Pub, die später weltberühmte "Leo’s Tavern", in der seine Kinder musikalisch erste Schritte erfolgreich absolvieren – Máire mit ihrer Gruppe Clannad und Eithne, die später als Enya ebenfalls zu Weltruhm kam.

Ein bisschen chaotisch ist diese Familie – alles immer auf den letzten Drücker, Teilnahme an Wettbewerben fast wie zufällig, eher aus Spaß und Jux denn vom Willen beseelt, Nummer eins der Charts zu werden, und so dauert es eine Weile, ehe aus dem familieneigenen wilden Musikerhaufen Clannad wird, die Gruppe, die wie keine für die Verbindung moderner Musik mit alten irischen Überlieferungen steht, seien es inhaltlich die Geschichten oder musikalisch keltische Klänge oder Instrumente wie die typische Harfe, überragt und unverkennbar gemacht durch Máire Brennans unvergessliche Stimme.

Es ist keine reine Erfolgsstory, die Máire verfasst hat – der Erfolg Clannads verlief parallel mit einem persönlichen Abstieg. Falsche Freunde, mangelndes Selbstbewusstsein, ein Trauma, das sie zur Sprach- und Gefühllosigkeit verurteilt, endlich dann der Kontakt mit Alkohol und Drogen ziehen die sensible Frau immer tiefer nach unten. Als sie ganz tief im Schlamassel steckt, erinnert sich Máire wieder an die Großeltern – die Geschichten, das Urvertrauen, den Glauben und Stück für Stück gelingt es ihr, aus den Tiefen wieder emporzusteigen, als neuer, gereifter Mensch, der mit seiner Vergangenheit klar gekommen ist und nun aktiv seine Zukunft gestaltet.

Das Buch ist mehr als ein Text über Clannad. Es ist die mit Herzblut, Humor, aber auch Mut zur Offenheit geschriebene Lebensbeichte Máires, zugleich aber auch die Erfolgsstory der Familie Brennan mit Clannad, Leo’s Tavern und Enya. Das Buch ist wie die Musik von Clannad, ich fing schon auf der Straße an zu lesen, verpasste prompt meine Bushaltestelle, kam zu spät zu einem Termin und las dort unter dem Tisch weiter, fuhr nach Hause und las die halbe Nacht bis zur letzten Seite. Es ist ein Buch, das berührt, ein Buch, das man liebt. Geschrieben in der typisch irischen Storyteller-Tradition – niemals langweilig, mit Witz, mit Humor und dem speziellen Blick für das Skurrile im Leben, aber auch mit der Tiefe der irischen See und über alle Seiten hin braust der Wind der Landschaft Nordirlands. Ein Buch, das man optimal mit mehreren Kannen Tee, Shortbreads und der Musik von Clannad und Enya lesen sollte. Dass man zudem noch eine Menge über die angeblich so schöne bunte Glitzerwelt der Stars lernt, ist Nebensache. Máires Weg ist die Geschichte eines Schmetterlings, der sehr lange im Puppenstadium war – ein Buch, das Mut macht und schlichtweg süchtig nach mehr.

csc
05.01.2002

 
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Das Buch:

Máire Brennan:
Mein irisches Leben

Foto: Buchcover Máire Brennan. Mein irisches Leben

Basel, Gießen: Brunnen Verlag 2001
319 S.
ISBN: 3-765-55864-8

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