Medien & Gesellschaft

Auf der Verliererseite

"The winner takes it all", was ursprünglich seine Geltung in der Politik hat, lässt sich auf viele Lebensbereiche projizieren, natürlich auch auf die Welt des Sports. Derjenige, der den Sieg einstreicht, und sei es auch nur dank eines Netzrollers im Tie-Break des entscheidenden Satzes oder mit einem Innenpfostentreffer im Elfmeterschießen eines bedeutenden Finals, vereint alles auf sich, den Pokal für den Sieger, den Eintrag in die Geschichtsbücher, mitunter ewigen Ruhm und sicherlich auch den einen oder anderen lukrativen Werbevertrag. Auf der anderen Seite steht der Verlierer, obgleich er womöglich kaum einen Deut schlechter als der Sieger war, mit leeren Händen da. Sollte er nicht in der Lage sein, aus der Niederlage zu lernen, kann diese seinem Leben mitunter den entscheidenden negativen Impuls versetzen.

In der Regel werden nur über die glorreichen Sieger Bücher oder Reportagen geschrieben, Filme oder Dokumentationen gedreht. Holger Gertz hingegen hat sich dieser Heldengeschichtsschreibung widersetzt. In seinem Buch "Das Spiel ist aus" widmet er sich den Verlierern legendärer Duelle des Sports. Bereits beim ersten Anblick des vorliegenden Buchs entdeckt man auf dem Cover einen todtraurigen Bastian Schweinsteiger auf dem Boden kauern, der an seinem an den Pfosten gesetzten Elfer im verlorenen Elfmeterschießen knabbert und an seiner maßgeblichen Schuld an der Niederlage im "Finale dahoam" gegen den FC Chelsea. An diesem Beispiel jedoch zeigt sich sogleich, dass große Siege oftmals in dramatischen Niederlagen ihren Ursprung hatten und daraus ihre alles entscheidende Motivation bezogen. Schließlich gewann Bastian Schweinsteiger mit seinem FC Bayern dann in der Folgesaison endlich die Champions League sowie ein weiteres Jahr später mit der Nationalmannschaft den Weltmeistertitel.

Holger Gertz ist seit vielen Jahren als Journalist für die Süddeutsche Zeitung tätig und hat mit seinen tiefgründigen, oftmals im Bereich des Sports angesiedelten Reportagen schon einige renommierte Preise eingestrichen. "Das Spiel ist aus" ist ein Potpourri ausgewählter Essays und Portraits von Holger Gertz, die in den vergangenen knapp zwanzig Jahren in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurden. Für das vorliegende Buch hat der Autor lediglich noch ein Vorspiel, ein Zwischenspiel sowie ein Nachspiel verfasst, fertig war der Bestseller. Doch soll die leise Kritik am simplen Entstehungsprozess dieses Werks nicht verleugnen, dass Gertz darin höchst lesenswerte Geschichten über Verlierer im Sport verfasst hat.

Gertz beweist eindrucksvoll, dass sich die wahre Seele des Sports erst in der Tragödie der Niederlage offenbart. Seine Geschichten decken die gesamte Bandbreite von Niederlagen ab. Wie am Beispiel des Bastian Schweinsteiger ersichtlich, sind Niederlagen mitunter die Ingredienz für die ganz großen Gipfel, die es zu erklimmen gilt. Doch berichtet Gertz auch von Sportlern, denen keine weiteren Siege mehr vergönnt waren, wie dem georgischen Rodler Nodar Kumaritaschwili, der während eines Trainingslaufs bei den Olympischen Spielen von Vancouver tödlich verunglückte. Oder wie die kanadische Schwimmerin Karen James, die ihre größte Niederlage nicht im Becken erlitt, sondern während der Spiele von München nachts am Zaun, als sie die Gelegenheit verpasste, die palästinensischen Terroristen, denen sie just bei deren Betreten des Olympischen Dorfs begegnete, anzusprechen und so vielleicht die größte Tragödie in der Geschichte Olympischer Spiele zu verhindern. Eine Situation, die Karen James zeit ihres Lebens nicht mehr losließ und von ihr als die Niederlage ihres Lebens empfunden wurde.

Große Niederlagen können ihren Keim allerdings auch im größten Triumph haben, wie das Beispiel von Werner Kohlmeyer zeigt, einem der elf Helden von Bern, die 1954 die erste Fußball-Weltmeisterschaft für Deutschland gewannen. Nach dem Finale gegen die Ungarn gelang Kohlmeyer kaum noch etwas im Leben, verarmt und alleine gelassen starb er als erster von Herbergers Spielern keine zwanzig Jahre nach dem großen Sieg. Die Karriere des Lance Armstrong hingegen landete ebenfalls rapide im Keller, nachdem er aus dem Olymp des Sports vertrieben worden war. Bei ihm jedoch war das Verschulden durchaus hausgemacht und Sieg wie Niederlage waren auf ein und demselben Fundament gebaut. Als sportinteressierter Leser bietet "Das Spiel ist aus" von Holger Gertz sehr facettenreiche Geschichten über das Verlieren, die einen zukünftig beim Feiern der Sieger sicherlich auch mehr als einen flüchtigen Blick auf die Verlierer werfen lassen.

Christoph Mahnel
04.07.2016

 
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Das Buch:

Holger Gertz: Das Spiel ist aus

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Mnchen: Deutsche Verlags-Anstalt 2016
240 S., 16,99
ISBN. 978-3-421-04729-8

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