Medien & Gesellschaft

Sodom und Gomorrha

Wenn die Regenbogenpresse oder gar die Tageszeitung mit den vier großen Buchstaben über die Aufreger und Skandale der Promis oder auch der weniger prominenten Zeitgenossen berichtet, um die sensationslüsterne Masse mit Futter zu versorgen, dann handelt es sich hierbei gewiss um kein neuzeitliches Phänomen. Bereits in der Antike standen skandalöse Ausrutscher und Provokationen auf der Tagesordnung, wurden Prozesse vor Justitias Angesicht geschoben und fingiert, auch vor Mord und Totschlag war man zu keiner Zeit gefeit. Und dass die breite Bevölkerung von den schlüpfrigen Details rasch Kenntnis erlangen wollte, überrascht sicherlich niemanden.

Der promovierte Philologe Cornelius Hartz ist gewissermaßen ein Experte in der Kriminal- und Skandalgeschichte der Antike. Dies hat er bereits mit seinem vor zwei Jahren erschienenen Werk "Tatort Antike. Berühmte Kriminalfälle des Altertums" unter Beweis gestellt, das ebenso wie das vorliegende Buch vom Theiss Verlag herausgebracht wurde. In seiner belletristischen Freizeit lässt Hartz seinen Hamburger Kommissar Brook im Hier und Jetzt ermitteln, bisweilen wird er auch als Übersetzer von manch geschichtlichem Sachbuch aktiv. Man merkt rasch, dass Hartz ein wortgewandter Schreiberling ist, der es hervorragend versteht, geschichtliche Episoden im amüsanten Plauderton zu erzählen.

Seinen Streifzug durch die Sünden der Antike hat der Autor in vier Kategorien und entsprechende Kapitel eingeteilt. In "Liebe, Sex und Ehebruch" erheischt der Leser einen Blick unter die Bettdecken in Rom und Athen. Hartz lässt sich aus zur Verbreitung von Prostitution und auch zu dem sehr heiklen Thema der Knabenliebe. Grundsätzlich reflektierten sexuelle Beziehungen in der Antike und die damit einhergehende Macht über den oder die andere stets auch gesellschaftliche Hierarchien. Höchst treffend kommentierten dies einst Lyriker wie Catull oder Ovid, die in diesem Kapitel des Öfteren mit ihrer scharfen Zunge zum Zuge kommen.

Im zweiten Abschnitt "Skandalkultur – Kulturskandale" wird der rege Gebrauch sämtlicher bekannter Drogen behandelt. Des Weiteren gibt Hartz einen Abriss über die geheimen Kulte im Alten Rom. Er schaut auch zurück nach Olympia, wo bereits bei den Olympischen Spielen der Antike Bestechungsskandale für Aufreger in der Öffentlichkeit sorgten. In "Politiker im Zwielicht" werden einige recht prominente Skandale aus der Stadt am Tiber zum Besten gegeben, wie beispielsweise den um Verres, den korrupten Statthalter Siziliens, um den hochgradig intriganten Catilina oder um den frivolen Clodius Pulcher, der sich zum Fest der Bona Dea in Frauenkleidern den für Männer verbotenen Zugang erschlich und grandios aufflog.

Der Autor beschließt seinen bunten Reigen mit "Mord und Totschlag mit System". Hier wird natürlich ein Blick ins Kolosseum geworfen, ebenso darf der mit den meisten negativen Charaktereigenschaften behaftete römische Kaiser nicht fehlen. Die Rede ist natürlich von Nero, dessen Liste an Verfehlungen von Muttermord bis hin zur Brandstiftung recht breit angelegt ist. Doch betet Cornelius Hartz hier nicht nur die allgemeinen Plattitüden herunter, sondern wartet mit aktuellen Erkenntnissen aus der Geschichtsforschung auf und korrigiert an der einen oder anderen Stelle die scheinbaren Fakten mit überraschenden Neuigkeiten. So sieht beispielsweise ein jeder – während das Feuer große Teile Roms vernichtet – den singenden Nero alias Peter Ustinov vor dem geistigen Auge. Doch weiß Hartz hier zu berichten, dass dies den geschichtlichen Gegebenheiten widerspricht, da Nero zum Zeitpunkt der Feuersbrunst auf Reisen war.

"Skandalon!" hat seinen Schwerpunkt eindeutig im Alten Rom. Die Griechen, die ebenfalls für den einen oder anderen Aufreger gut waren, erfahren ebenfalls noch eine entsprechende Berücksichtigung, während aufgrund der schon deutlich dünner werdenden Quellenlage die alten Ägypter nur hier und da am Rande auftauchen. Man hat bei dem vorliegenden Buch vom Anfang bis zum Ende die Gewissheit, dass hier keine Effekthascherei betrieben wurde, sondern dass alles durchweg historisch fundiert ist und mit der entsprechenden Betonung und Einordnung versehen ist. Die Antike war eben grausam und skandalös genug, da bedarf es keiner überzogenen Schlagzeilen oder sonstiger Aufmacher. Cornelius Hartz musste schlichtweg nur die Fakten zusammentragen, um dem Leser einen sehr erhellenden und manches Mal erheiternden Blick in den Sündenpfuhl der Antike zu bieten.

Christoph Mahnel
11.08.2014

 
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Das Buch:

Cornelius Hartz: Skandalon! Skandale und Aufreger rund um die Antike

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Darmstadt: Theiss Verlag 2014
184 S., 16,95
ISBN 978-3-806-22861-8

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