Medien & Gesellschaft

„Hasta la vista, Bayern finalista“

Vor einigen Jahrzehnten konzentrierte sich der Job des Fußballkommentators im Fernsehen noch vornehmlich darauf, die Sequenzen der Spielernamen gemäß den Ballkontakten herunterzubeten. Rahmeninformationen wurden von Rolf Kramer und Co. nur sehr spärlich über den Äther transportiert. Doch genauso wie der Fußball selbst im Zuge von Champions League oder Premier League grundlegend zum spektakulären Medienevent geworden ist, hat sich auch das Anforderungsprofil des Mannes am Mikrofon gewandelt. Fußballkommentatoren sind zu Verkündern des Spektakels geworden, die das Spiel als solches zu jeder Minute zu durchdringen haben und ihre Einschätzungen dem werten Fernsehpublikum unentwegt mitzuteilen haben.

Wolff-Christoph Fuss darf ohne Übertreibung als die Lichtgestalt der gegenwärtigen Fußballkommentatoren-Riege bezeichnet werden. Der 37-jährige Sky-Angestellte hat die besondere Gabe, Entwicklungen auf dem grünen Rasen vorherzusehen und sie den Fernsehzuschauern mit seinen rhetorischen Fähigkeiten anschaulich zu vermitteln. Während der hiesige Fußballfan bei den Béla Réthys und Steffen Simons dieser Welt ob deren ständiger Fehleinschätzungen nur verzweifelt den Kopf schüttelt oder gar den Ton des Fernsehers abdreht, hat Fuss oftmals schon vor der ersten Zeitlupe die kniffligen Situationen richtig beurteilt. Darüber hinaus antizipiert er dank seines feinen Gespürs für das Spiel sehr oft die Wendepunkte einer Begegnung, dann nämlich wenn sich in den kommenden Minuten die Waagschale in die eine oder andere Richtung neigen wird.

Fuss wurde 1976 im hessischen Ehringshausen geboren, wuchs in der Nähe von Stuttgart auf und versuchte sich dort an der Uni als Student der Betriebswissenschaften. Doch war ihm die Parkplatzsituation rund um den Campus ein derartiger Graus, dass er seine studentischen Zelte abbrach und einige Zufälle später seinen ersten Kommentatoren-Job innehatte. Dieser erste Arbeitgeber war DF1, das sich Ende der Neunziger Jahre auf dem noch jungen Markt des Bezahlfernsehens tummelte. Dort kommentierte Fuss zu nachtschlafender Zeit Spiele aus den argentinischen und brasilianischen Ligen. Später dann wechselte Fuss nahezu im Gleichtakt mit den Übertragungsrechten zu Premiere und Sky. Für dvas öffentlich-rechtliche Publikum ist er vor allem durch seine Kommentierungen der Champions League auf DSF und Sat1 bekannt geworden.

Mit "Diese verrückten 90 Minuten" hat Wolff-Christoph Fuss medienwirksam im Vorfeld der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien sein persönliches "Fuss-Ball-Buch" geschrieben und auf den Markt gebracht. Darin schildert er seine kuriosen Anfänge als Kommentator mit der Mutmaßung, dass seine ersten Spiele höchstwahrscheinlich nur von den beim Sender für die Übertragung anwesenden Angestellten verfolgt wurden. Fuss zeigt auf, von welchen zufälligen Entwicklungen sein Weg hinauf in die Beletage der Fußball-Kommentatorenschaft abhängig war, und freut sich, wie auf jeder Seite des Buchs spürbar ist, diebisch darüber, dass er seinen absoluten Traumjob gefunden hat und ausleben darf.

Der Aufbau in "Diese verrückten 90 Minuten" orientiert sich maßgeblich an einzelnen Fußballspielen, die Fuss kommentiert hat oder auch nur als Fan auf der Tribüne miterlebt hat. Er schildert kuriose Begebenheiten in Bochum, wo die Übertragungsmonitore schwarz blieben und er dennoch das Spiel kommentieren musste, ohne die Zuschauer über sein Malheur zu informieren. Er berichtet von einem Spiel in Köln, das von einem tragischen Zwischenfall, dem Zusammenbruch des Kölner Kapitäns Ümit Özat, überschattet war. Bayern-Fans werden versuchen, die Lektüre des vorliegenden Buchs maximal in die Länge zu ziehen, denn ein Blick ins Inhaltsverzeichnis lässt bereits erahnen, worauf das "Fuss-Ball-Buch" hinsteuert: "Drama dahoam" lautet der Titel des finalen Kapitels und hat die unglaubliche Niederlage der Bayern im heimischen Champions-League-Finale gegen Chelsea zum Inhalt. Wolff Fuss war damals der Mann am Mikrofon für Sat1 und Zeuge dieser bayrischen Urkatastrophe.

Der kritische Leser wird sich fragen, warum er sich die Erzählungen eines Fußballkommentators zu Gemüte führen soll. Doch dafür gibt es im Falle des vorliegenden Buchs zwei glasklare und überzeugende Argumente: Zum einen begeistert Fuss auf den knapp 300 Seiten genauso wie am Mikrofon mit seiner feinfühligen Art, seiner rhetorischen Brillanz und seinem fußballerischen Sachverstand, zum anderen liefert er interessante Einblicke in das Leben eines Kommentators. Angefangen mit der vorbereitenden Recherche über die mitunter turbulente Anreise zu den Spielen, die Vorbesprechungen mit Trainern oder Vereinsoberen bis hin zu den Unwägbarkeiten während eines Spiels, Wolff-Christoph Fuss hält mit nichts hinter dem Berg und erfreut den Fußballfreund mit seinen anekdotenhaften Schilderungen. Alleine seine Erlebnisse mit Franz Beckenbauer in der rumänischen Provinz und seine sehr einseitigen Gespräche mit Louis van Gaal sind den Kauf und die Lektüre dieses "Fuss-Ball-Buchs" wert.

Christoph Mahnel
07.04.2014

 
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Das Buch:

Wolff-Christoph Fuss:
Diese verrückten 90 Minuten

Bild: Buchcover Wolff-Christoph Fuss, Diese verrückten 90 Minuten

München: C. Bertelsmann Verlag 2014
288 S., € 19,99
ISBN 978-3-570-10194-0

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