Medien & Gesellschaft

Zuversichtliche Zweifler

Was bleibt? Das ist die Frage, die bleibt. Immer. Von Generation zu Generation. Überlebende, Ältere staunen, was den Neugeborenen das Bleibende ist. Das ist der erste Eindruck beim Durchblättern der neuesten Publikationen zur einzigartigsten deutschen Pazifisten-Wochenschrift. Bereits der Titel des Buches "Heimat `Weltbühne´" formuliert eine eindeutige Einordnung. Zu erwarten ist keine populäre Publikation, nicht einmal ein anschauliches Sachbuch. Der Verfasser ist Wissenschaftler. Aufbau und Ausführung sind die eines Wissenschaftswerks, eines Zeitgeschichtlers. Alexander Gallus ist sein Name. Er ist einer des Jahrgangs 1972. Ausrufezeichen, muss gesagt werden.

Der Autor ist keiner, der mit der "Weltbühne" groß geworden ist. Auch nicht mit der, die 1946 aus den  Ruinen auferstanden ist. In Ost-Berlin. Ein Begriff, der sich so noch nicht eingeprägt hatte, damals. Die Seele des "Blättchens" war die Redakteurin, Journalistin, Sekretärin Ursula Madrasch-Groschupp, die Jahrzehnte später die unvergleichbare, populäre wie repräsentative Ausgabe zur Geschichte der "Weltbühne" publizierte. Die wird von Gallus weggewischt. Zu Recht! Zu Unrecht? Zumindest absolut empfindungslos. Ist das die gute Art wissenschaftlicher Betrachtung und Bewertung? Welche Bedeutung, welchen Belang hat Geschichtsschreibung, der die Geschichten der Geschichte wenig bedeuteten?

Alexander Gallus hat es nicht als seine Aufgabe empfunden, eine wie auch immer geartete Publikation zur "Weltbühne" zu wiederholen. Er fasst sich kurz. Getrost kann er über die häufig kolportierte Wirkungsgeschichte der ersten Jahrzehnte der "Schaubühne/Weltbühne" knapp informieren. Die Herren Jacobson, Tucholsky, Ossietzky sind nicht die Heroen der Publikation. Freigeschaufelt ist der Platz, um ausführlich auszubreiten und aufzubereiten, weshalb die Heimat "Weltbühne" letztendlich nicht zur Heimat der streitbaren, linken, heimatlosen Intellektuellen geworden ist. Also eine Legende um die Legende bringen?

Alexander Gallus will nicht irgendeine Mär über Wirkung (oder Nichtwirkung) der "Weltbühne" in die Welt setzen oder aus der Welt schaffen. Er lässt die Wochenschrift sein, was sie wirklich war: Vor allem DAS Podium der linken Publizisten der zwanziger Jahre. Den Nimbus haben vor allem bundesdeutsche Nachgeborene versucht zu zerstören, die bemüht waren, ihren eigenen Nimbus zu glorifizieren. Gallus hat sich um namhafte Akteure der zweiten Reihe der "Weltbühne" gekümmert.

Zuversicht und Zweifel der publizistischen Akteure stellt der Autor am Beispiel der professionellen wie persönlichen Lebenslinien von vier Personen der "Weltbühne" dar. Zum vorgestellten Quartett gehören der ichbezogene Kurt Hiller, der aufrichtige Linke Axel Eggebrecht, der chamäleonhafte William S. Schlamm und der intellektuelle Ideologe Peter Alfons Steiniger. Leute, derer nicht zuerst gedacht wird, wenn an die "Weltbühne" gedacht wird. Die Genannten füllen das Zentrum des Buches und machen es zu einer überaus lesenswerten Lektüre.

Der Band hat seine Eigenart und somit eigenen Wert. Er erfüllt keine beliebigen, keine konformen Erwartungen. Die komprimierten Biographien der vorgestellten "Weltbühnerianer", wie Gallus wenig elegant formuliert, liefern reichlich Stoff, der exemplarisch auf die Zerrissenheit der zuversichtlichen Zweifler nicht nur hinweist. Mit der Absicht ist der Wissenschaftler seinem Ehrgeiz recht nah gekommen, "Eine Intellektuellengeschichte im 20. Jahrhundert" zu verfassen. Wohlgemerkt eine Geschichte. Eine der deutschen Art, die auch eine der deutschen Provinzialität ist. Also eine, die das ganze Dilemma des Denkens der intellektuellen Publizistik offenbart.

Da kann nicht die Hoffnung keimen, es mit einer Glorifizierung der verlässlichen Intellektuellen zu tun zu bekommen. Sich auf die Schwächen der Herausgestellten einzulassen, weil so das Leben ist, ist eine der Stärken des Buches. Nicht nur im "Fall" Schlamm. Auch die Einlassungen zu dem zweifelhaften Versagen des späteren prominenten DDR-Völkerrechtlers Peter Alfons Steinigen hatte der Autor die Gelegenheit, die Nachkriegsgeschichte der "Weltbühne" genauer zu betrachten. Die Gelegenheit hat Gallus nicht wahrgenommen, wahrnehmen wollen. Das lange Leben der DDR-"Weltbühne" ist nicht sein Thema. Sei´s drum! Das Thema ist abendfüllend. 

Es ist auch das Thema, das dazu beitragen kann, deutlicher zu werden, wenn über das Scheitern der deutschen Intellektuellen im 20. Jahrhundert nachgedacht wird. Und zwar gründlich. Und zwar unbefangen. Und zwar ohne das linke oder rechte Auge zu schließen. Genau das sollte die Sache der Generation des Alexander Gallus sein. Es muss ja mal Schluss gemacht werden mit all den kursierenden Klischees. "Heimat `Weltbühne´" ist ein Buch für die Benutzer von Lesesälen und Besucher von Kolloquien, die gern den Referenten und ihren Referaten applaudieren.

Bernd Heimberger
21.01.2013

 
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Das Buch:

Alexander Gallus:
Heimat "Weltbühne". Eine Intellektuellengeschichte im 20. Jahrhundert

Bild: Buchcover Alexander Gallus, Heimat Weltbühne. Eine Intellektuellengeschichte im 20. Jahrhundert

Göttingen: Wallstein Verlag 2012
421 S., € 34,90
ISBN: 978-3-8353-1117-6

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