Medien & Gesellschaft

Im Osten viel Neues

Seit über einem Jahrzehnt schickt die Bundesrepublik Deutschland ihre Soldaten nach Afghanistan, um dort den Frieden zu sichern und das Land zu stabilisieren. Meldungen über gefallene Soldaten und Mandatsverlängerungen sorgen hierzulande jeweils für sehr kontroverse Diskussionen über Sinn und Zweck der Beteiligung deutscher Soldaten im Krisengebiet. Dabei argumentieren sowohl Befürworter als auch Gegner nahezu ausnahmslos im Nebel einer theoretischen Ebene, da sie kaum Kenntnisse über die tatsächlichen Vorgänge im fernen Afghanistan besitzen.

Johannes Clair liefert in seinem Buch "Vier Tage im November" einen schonungslosen Einblick in die tägliche Arbeit der deutschen Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan. Im Sommer 2010 landete er mit seiner Einheit in der Provinz Kunduz, im Nordosten Afghanistans. Clair schildert die Erledigung der täglichen Aufgaben seines Golf-Zugs und wie er dabei mit den Menschen in Afghanistan in Berührung gekommen ist. Der Leser wird rasch mitgenommen und in die sandige und staubige Welt des fernen Afghanistan hineingezogen.

Clair ist Zeitsoldat und zum Zeitpunkt seiner Entsendung nach Afghanistan 24 Jahre alt. Er hat eine klare Vorstellung von seiner Arbeit als Soldat und ist dabei zu der Überzeugung gelangt, in Afghanistan Dienst leisten zu wollen. Dass er dafür einen Konflikt mit seiner Freundin und eine räumliche Trennung von ihr auf unbestimmte Zeit in Kauf nimmt, ist ihm bewusst, doch für ihn die Sache wert. Clairs Überzeugung kommt im vorliegenden Buch sehr gut rüber und wird daher von jedem, egal wie skeptisch er diesem Unterfangen gegenüberstehen mag, akzeptiert werden.

Die Schilderungen Clairs finden weniger auf einer strategischen oder politischen Ebene statt, sondern fokussieren sich auf das tägliche Erleben der Verhältnisse in einem rückständigen, wenn nicht gar dem rückständigsten Land dieser Erde. Da wären zum einen die gruppendynamischen Vorgänge in Clairs Zug mit seinen Vorgesetzten und Kameraden, zum anderen aber auch die Kontaktaufnahmen mit den Menschen vor Ort. Clair macht glaubhaft, dass er eine ganze Palette an Reaktionen erfahren hat, insbesondere aber sind bei ihm die schönen Momente haften geblieben, wie etwa die leuchtenden Kinderaugen, nachdem er Fußbälle und Torwarthandschuhe verteilt hatte.

Bei allen positiven Begleiterscheinungen verschweigt Clair nicht, dass es sich bei den Bundeswehr-Einsätzen trotz aller Vorsichtsmaßnahmen um eine lebensgefährliche Aufgabe handelt. Kurz vor seiner Ankunft im Krisengebiet waren am Karfreitag 2010 drei Bundeswehr-Soldaten bei einem Anschlag Aufständischer ums Leben gekommen. Sein eigener Zug sorgte für die Ablösung derjenigen, zu denen die drei Gefallenen gehörten. Auch Clair gerät mehrmals in lebensgefährliche Situationen, insbesondere bei der Operation Halmazag Anfang November 2010, als er zusammen mit mehreren Zügen der Bundeswehr sowie verschiedenen Bündnispartnern in einer konzentrierten Aktion Aufständische aus der Region zu vertreiben versucht. Dabei verbringt Clair vier Tage unter allerhöchster Anspannung in einer Gefechtsstellung, so dass die Lebensgefahr bei seiner Schilderung der Angelegenheit für den Leser greifbar wird.

Clair hat sein Buchprojekt begonnen, um die Sicht des Soldaten in die Bewertungen des Afghanistan-Einsatzes einfließen zu lassen. Aus dieser Perspektive, so wird dem Leser schnell klar, handelt es sich um eine höchst notwendige Angelegenheit, da nur so den Menschen in der Krisenregion Sicherheit und eine Zukunft gegeben werden kann. Die Sprache, die Clair bei seiner Schilderung des Erlebten verwendet, ist bewusst einfach gehalten, so dass ihn zum einen jeder verstehen kann und zum anderen die existente Sachlichkeit in der Kommunikation der Soldaten untereinander nicht durch gestelzte Formulierungen überlagert wird. In einem Bildteil liefert Clair darüber hinaus noch gelungene Einblicke in seinen Arbeitsalltag und das Leben in Afghanistan.

"Vier Tage im November" fesselt einen von den ersten Seiten an, unabhängig davon, wie man zum Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan stehen mag. Die in den hiesigen Diskussionen nahezu völlig ausgeblendete Perspektive der Soldaten erhält eine Stimme und ermöglicht jedem, einen Einblick in die tagtäglichen Vorgänge vor Ort zu nehmen. Dabei schildert Clair sowohl seine Gedanken, Ängste und Sorgen als auch diejenigen seiner Kameraden unverblümt. Ein jeder vermag diesen neuen Blickwinkel in seine Beurteilung über Sinn und Zweck der deutschen Beteiligung am Afghanistan-Einsatz hinzunehmen und diese gegebenenfalls anzupassen. Es war höchste Zeit für ein aufklärendes Buch wie das vorliegende aus der Feder eines jungen, intelligenten Mannes, der beständig seine Überzeugung anhand des Erlebten reflektiert hat.

Christoph Mahnel
03.12.2012

 
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Das Buch:

Johannes Clair:
Vier Tage im November. Mein Kampfeinsatz in Afghanistan

Bild: Buchcover Johannes Clair, Vier Tage im November. Mein Kampfeinsatz in Afghanistan

Berlin: Econ Verlag 2012
416 S., € 18,99
ISBN: 978-3-430-20138-4

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