Medien & Gesellschaft

Kein Aufruf zum Leseverzicht, sondern eher zum Ablegen von Ängsten

Nein, es ist kein Aufruf zum Leseboykott, dieses Büchlein mit dem wahnsinnigen Titel «Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat». Es ist auch kein Handbuch für Blender, die sich auf Partys mit «Faust»-Interpretationen aus zweiter Hand als klassikfest erweisen möchten oder über die moderne amerikanische Literatur referieren, was ihnen via Internet oder Fachblättern von Experten vorgebetet wurde. Mit diesem vergnüglichen Essay wagt der französische Psychoanalytiker Pierre Bayard vielmehr den Beweis, dass man nicht alles lesen muss - vor allem, wenn man nach zehn Seiten immer noch nicht «drin» ist -, um Literatur zu verstehen, weil man eh seinem eigenen Muster folgt, sich immer nur selbst liest. Und dass es ganz einfach Werke gibt, die man aus subjektiven Gründen einfach nicht konsumieren kann.

Seine Beweisführung beginnt Bayard mit Robert Musils «Der Mann ohne Eigenschaften». Dessen Hauptfigur, der Bibliothekar, sucht sich unter der Menge von Publikationen selbst nur wenige Bücher aus, die er wirklich lesen will. Die Wahl trifft er nach Kategorien, die ihm bei der Einordnung aller anderen Bücher dienlich sein können. Witzig ist, dass zum Beispiel Verlegerin Antje Kunstmann, in deren Edition just vorliegendes Bayard-Machwerk herauskam, zugibt, Musils eigenschaftlosen Mann niemals zu Ende gelesen zu haben. Der französische Lyriker Paul Valéry gesteht, über Marcel Proust doziert zu haben, obwohl er kaum mehr als ein paar Seiten aus dessen «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» geschafft hat.

Immerhin bedeuten diese und weitere Bekenntnisse schon, dass man meist nicht ganz ohne die Mühe des Lesens auskommt, um zumindestens eine Quintessenz des jeweiligen Machwerks für sich zu finden - und diese dann, je nach subjektivem Muster, nach außen hin zu interpretieren. So reicht nach Bayards Erkenntnis dem einen aus, einfach nur eine Seite aufzuschlagen, um etwas Typisches in den «Büchern, die man nicht kennt» zur Verwertung zu finden. «Wenn ein Buch weniger ein Buch als eine komplexe Gesprächssituation ist, innerhalb deren es zirkuliert und sich verändert, muss man also für diese Situation empfänglich sein, um treffend über ein nicht gelesenes Buch zu sprechen. Denn es geht nicht um das Buch, sondern um das, was in einem Raum der Kritik (...) aus ihm geworden ist (...)», sagt der Autor.

Dem anderen empfiehlt er Methoden der Interpretation aus «Büchern, die man quergelesen hat» oder «Büchern, die man vom Hörensagen kennt». Zu letzteren zählt er das viel gelobte Werk Umberto Ecos «Der Name der Rose». Darin zeige der Autor, «dass es nicht nötig ist, ein Buch in der Hand gehabt zu haben, um detailliert darüber zu sprechen, unter der Bedingung, dass man hört und liest, was andere Leser darüber sagen», kommentiert Bayard dreist, um sich dann mit Büchern zu beschäftigen, «die man gelesen und komplett vergessen hat». Das seien dann Bücher, die - obwohl man sie zwar gelesen, dann aber vergaß, dass man sie gelesen hat, letztendlich wieder doch ungelesen seien.

So kompliziert, wie diese und andere Beweisführungen Bayards vielleicht klingen, ist sein Traktat nicht. Es ist auch kein Aufruf zum Leseverzicht, sondern eher zum Ablegen von Ängsten, «zum unbefangenen Zugriff auf die Weltliteratur», wie es beim Verlag heißt. Und zum Bewusstwerden, dass nicht jeder Gesprächspartner, der so tut, wirklich alles weiß, sondern vielleicht nur geschickter oder frecher ist als man selbst.

Frauke Kaberka, dpa
01.10.2007

 
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Das Buch:

Pierre Bayard:
Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat

Bild: Buchcover Pierre Bayard, Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat

München: Verlag Antje Kunstmann 2007
220 S., € 16,90
ISBN: 978-3-88897-486-1

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