Medien & Gesellschaft

Neue Geschichten "aus dem barbarischen Berlin"

Kann und darf man über eine Liebeserklärung auch lachen? Wenn sie mit viel intelligentem Witz gepaart ist, warum nicht, wie zum Beispiel in dem ungewöhnlichen Buch «Schaut auf diese Stadt» mit «neuen Geschichten aus dem barbarischen Berlin» von (mittlerweile zähneknirschend eingelebten) Neu-Berlinern wie Claudius Seidl, Georg Diez, Nils Minkmar, Peter Richter und Anne Zielke. Für sie ist Berlin «eine Stadt, in der man mit allem rechnen muss» und in dem «das Gesetz des Dschungels» herrscht. «Alles, was sie sich in Hamburg oder Köln als Gerüchte über Berlin erzählen und nicht recht glauben können, stimmt.»

Wie schon in ihrem ersten, 2003 erschienenen Band haben die Autoren auch jetzt wieder viel Liebesmüh in ihre Momentaufnahmen aus der 3,5-Millionen-Metropole gesteckt, um die Schrecken oder auch skurrilen Eigenheiten der Großstadt und ihrer Bewohner aufs satirische Korn zu nehmen. Da muss selbst der eingefleischte «Berufsberliner» immer wieder hell auflachen beim Lesen, weil es streckenweise einfach gut geschrieben ist, also fast ein «Gute-Laune- Buch» für den Hauptstädter bei aller (wirklich?) bissig gemeinten Kritik in dem Buch. Aber «gute Laune ist auch eine Form des Widerstands - gegen Berlin», meinen die Autoren in ihrem Vorwort. Man kann es auch anders ausdrücken: «Nur wer liebt, darf kritisieren.» Und nach der Lektüre darf man sagen: diese Autoren dürfen kritisieren.

Auch wenn vom «Weltstadtgefasel der Berliner Presse», dem «Schrecken erregenden Menschenschlag» des Berliner «Kampfradlers», dem gewöhnungsbedürftigen Umgangston auf der Straße («Mach Platz, du Penner!») oder «Provinzmief» die Rede ist - hinter all diesen «kleinen bösen Geschichten aus dem Alltag der so genannten Hauptstadt» schimmert immer wieder das alte Motto «Was sich liebt das neckt sich» durch - und «übel nehmen gilt nicht» ist ja auch eine Berliner Devise. Im Gegenteil - der Hauptstädter fühlt sich über so viel Aufmerksamkeit von «Rucksack-Berlinern» auch «gebauchpinselt», wie er zu sagen pflegt.

Auch Seitenhiebe gegen die berühmt-berüchtigte Berliner Küche fehlen nicht, auch in ihrer Ost-West-Variante mit «Rigatoni Lichtenberg» oder dem Würzfleisch aus alten DDR-Zeiten: «Würzfleisch kommt wie ein Ragout fin in kleinen heißen Keramiktassen, und wenn es gut gemacht ist, schmeckt und sieht es aus wie schon einmal gegessen.»

Aber natürlich gibt es auch weitaus appetitlichere Geschichten zu lesen und auch die Politik wird nicht ausgespart, wie «das Leben, Leiden und die Lächerlichkeit der Bundespolitiker» oder der Lokalpolitiker. Und Claudius Seidl spielt auch gerne immer noch den naiven, ahnungslosen Straßenpassanten in der Großstadt: «Das Dumme an den Huren am Hackeschen Markt ist, dass ich sie immer erst zu spät als Huren erkenne.» Solche Beobachtungen locken wieder neue Scharen von Touristen in dieses Szeneviertel, oder in den Prenzlauer Berg, über den sich die Autoren wieder (wie schon Wladimir Kaminer) «das Maul zerreißen» - und dort gerne am Straßenrand im Cafe sitzend die Passanten beobachten und danach neue Bücher schreiben. «Man muss das alles aufschreiben; das rettet die Distanz», notiert Seidl.

Wilfried Mommert, dpa
10.07.2007

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Georg Diez, Claudius Seidl:
Schaut auf diese Stadt

Bild: Buchcover Georg Diez, Claudius Seidl, Schaut auf diese Stadt

Köln: KiWi 2007
224 S., € 8,95
ISBN: 978-3-462-03790-6

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.