Medien & Gesellschaft

Flotte Analyse des katholischen Deutschlands

Geht das überhaupt: Ein flott lesbares, unterhaltsames Buch über die katholische Kirche in Deutschland? Ja, es geht. Matthias Drobinski, Redakteur der «Süddeutschen Zeitung» und ein intimer Kenner der kirchlichen Szene, hat mit dem Band «Oh Gott, die Kirche» eine schmale Gratwanderung stilistisch und inhaltlich gewagt - und gewonnen.

Auf wenigen Seiten beschreibt er Zäsuren der Kirchengeschichte, porträtiert bedeutende deutsche Bischöfe der Gegenwart und entwirft zum Abschluss sogar noch «Visionen für eine Kirche von morgen». Und dies alles in journalistischer Sprache, ohne der Gefahr des Klischeehaften oder Oberflächlichen zu erliegen.

«Ich versichere, dass ich keinen Kirchenkomplex habe», beginnt Drobinski sein Vorwort und fährt ebenso deutlich fort. «Dass ich kein abgesprungener Priesterseminarist bin, der nun wütend auf alles Katholische ist (...). Ich schreibe also nicht über die katholische Kirche, weil ich glaube, einer vorgestrigen, fundamentalistischen, antiaufklärerischen und menschenverachtenden Institution den Todesstoß geben zu müssen. Genauso versichere ich, dass ich kein reumütig Heimgekehrter oder neu Bekehrter bin, der nun im Überschwang der gefundenen Heimat jeden Weg und Holzweg der Institution verteidigt (...).»

Drobinski sucht Distanz, um umso genauer von außen auf die Institution Kirche und ihre Akteure zu schauen. Kaum ein Bischof, den Drobinski nicht aus persönlichem Erleben kennt. Kaum ein Katholikentag, den er nicht besucht hat. Auf allen Seiten schimmern seine persönlichen Erfahrungen und Eindrücke durch, etwa vom Weltjugendtag 2005 in Köln oder von einem «netten Abend» am Rande der katholischen Bischofskonferenz mit dem Trierer Bischof Reinhard Marx, dem viele nachsagen, dass er Kandidat für höhere Aufgaben sein könnte - etwa in München, Berlin oder Köln oder gar in einigen Jahren als Nachfolger des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann.

Seine Zukunftsvisionen gibt Drobinski in Form von «Zehn Geboten fürs fröhliche Verarmen». Die Larmoyanz einer im Vergleich zu anderen Ländern wohlhabenden Kirche in Deutschland hält er für fehl am Platze. Die Kirche sollte sich eher von Immobilienbesitz trennen als Mitarbeiter zu entlassen - ihr wertvollstes Kapital. Mehr Ökumene, Loslassen lernen (von Aufgaben), ein neues Verhältnis zwischen Priestern und Laien und: Gott vertrauen, lauten einige Ratschläge Drobinskis. Direkt benennt er beispielsweise falschen Stolz von Bistümern, die für wenige Priesteramtskandidaten weiterhin eigene Seminare mit Millionenaufwand betreiben, statt Seminare zusammen zulegen.

Etwa 50 Millionen Christen leben trotz Säkularisierung (noch) in Deutschland. Eine Million Menschen kamen zur Papstmesse 2005 bei Köln, 300 000 Menschen zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hannover. Eine Rückkehr des Religiösen im Sinne neuer enger Kirchlichkeit sieht Drobinski zwar nicht kommen. Aber: «Die religiös Musikalischen trauen sich zunehmend auf ihren Instrumenten zu spielen. Und es sind häufig die Sensiblen, Gebildeten, denen die nutzenorientierte Grundstimmung der Wohlstandsgesellschaft nicht reicht, die nicht glauben wollen, dass an alle gedacht ist, wenn nur jeder an sich denkt, die Stille und Gebet schätzen, gerade weil sie zwecklos sind in einer verzweckten Welt (...). Wirst christlich bleiben, liebes Abendland. Wenn auch anders als mancher denkt, der von Dir redet.»

Matthias Hoenig, dpa
30.07.2006

 
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Das Buch:

Matthias Drobinski:
Oh Gott, die Kirche - Versuch über das katholische Deutschland

Bild: Buchcover Matthias Drobinski, Oh Gott, die Kirche - Versuch über das katholische Deutschland

Düsseldorf: Patmos Verlag 2006
176 S., € 18,00
ISBN: 3-491-72497-X

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