Medien & Gesellschaft

Joe Bausch im "Knast": Hausarzt von Kriminellen beschreibt JVA-Alltag

Joe Bausch kennt man aus dem Kölner "Tatort" als mürrischen Rechtsmediziner im grünen Kittel. Als Gefängnis-Doc behandelt er im realen Leben seit 25 Jahren Mörder, Diebe und Kinderschänder in der JVA Werl. Sein Buch "Knast" gewährt interessante, seltene Einblicke.

Die Welt hinter Gittern hat ihre eigenen Regeln und Hierarchien. Joe Bausch, seit 25 Jahren Mediziner in der Justizvollzugsanstalt Werl, gibt in seinem Buch "Knast" Einblicke in eine abgeriegelte Welt. Er ist "Hausarzt von Sicherungsverwahrten, von Mördern, Kinderschändern, Totschlägern, Vergewaltigern, Erpressern, Räubern, Drogendealern, Betrügern und Dieben. Ich bin RAF-Terroristen begegnet, ehemaligen KZ-Wärtern, hochkarätigen Wirtschaftskriminellen." Bausch lässt den Alltag in einer der bundesweit größten JVAs erahnen. Er schildert zudem - nüchtern, aber doch eindringlich und auch erschreckend - einzelne Knacki-Schicksale.

Der Knast sei "eine Parallelwelt mit eigenen Gesetzen", schreibt Bausch, der den Patienten als Mediziner besonders nahe kommt. Überall herrsche Misstrauen unter den Häftlingen. Besonders drastisch sind die Umstände in den Gemeinschaftszellen für zwei bis vier Insassen. Viele Inhaftierte leiden unter Schlaflosigkeit, haben Angst, beklaut oder drangsaliert zu werden. "Die Möglichkeiten, einen Mitinsassen zu schikanieren, sind zahlreich, der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt." Vieles bleibe im Verborgenen. Erst wenn jemand massiv geschädigt werde, bekomme das der Vollzug mit, weiß Bausch. Einzelunterbringung müsse die Regel sein in deutschen Gefängnissen, fordert der Autor. Fast alle Häftlinge wollen in eine Einzelzelle.

Nur die Neuen und Unerfahrenen nicht. Bausch: "Genau die sind es allerdings auch, die schnell unter die Räder kommen. Die abgezogen werden, sich unterordnen oder sogar prostituieren müssen." Auf die Sensiblen, Weichen, Ängstlichen, Drogenabhängigen oder psychisch Auffälligen werde besonders geachtet, um sie vor Übergriffen zu schützen. Denn: "Die erfahrenen Knackis wittern leichte Beute wie ein Rudel Wölfe ein einsames Wild." Beliebtes Mittel, jemanden zu schaden: "Denunziantentum und das Streuen von Gerüchten sind im Gefängnis sehr effektive Waffen." Gezielte Falschinfos könnten einen unliebsamen Häftling geradezu vernichten.

In seinem "Knast" geht es auch um die eigene Rolle als "Libero" unter den Anstaltsbediensteten. "Wie unser alter Hausarzt kenne ich heute die Lebensumstände von jedem einzelnen meiner Gefangenen." Bausch entscheidet über Haft- oder Arbeitsfähigkeit, in Ernährungsfragen, bewilligt dickere Matratzen oder zusätzliche Socken. Sein zweites Leben als Schauspieler helfe ihm, sich abzugrenzen von den menschlichen Abgründen, die sich im Knast auftun - und zugleich die Fähigkeit zum Mitgefühl nicht zu verlieren. "Nirgendwo wurde ich schwerer geprüft als im Knast", räumt der TV-Pathologe ein.

Kontakt zu Sträflingen hatte Joe Bausch schon als kleiner Junge. Er stammt aus einem winzigen Kaff im Westerwald, wuchs auf einem Bauernhof auf, wo ehemalige oder noch einsitzende Häftlinge aus nahe gelegenen Zuchthäusern als Knechte oder Saisonarbeiter mit anpackten. Die "zuweilen etwas finsteren Gesellen" weckten sein Interesse an "gebrochenen Biografien" - als Arzt und auch als Schauspieler.

Bausch beschreibt Verbrechertypen - vom Betrüger und Bankräuber über den Zuhälter bis hin zum Mörder oder Kinderschänder. Er geht auf die Untersuchungshäftlinge ein, die besonders unter Verdrängen, Hoffen und Bangen, Panikattacken leiden. Obwohl sie nur einen Anteil von 18 Prozent unter allen Häftlingen ausmachen, entfallen auf sie 60 Prozent aller Suizide hinter Gittern. Bausch wirft zudem einen Blick auf die Frauen und Freundinnen der rund 900 Häftlinge.

Der Leser erfährt, wie Knastgeschäfte funktionieren. Die gängigsten Währungen sind Tabakpäckchen und Gläser mit löslichem Kaffee. An Drogen mangelt es nicht. "Man kann nirgendwo mehr mit Drogen verdienen als im Knast." Reingeschmuggelt werden sie in Körperöffnungen oder Babywindeln. Als Mediziner fragt Bausch auch nach den vielen Ursachen für kriminelles Verhalten. "Sie reichen vom Erbgut über organische oder funktionelle Störungen im Gehirn bis hin zu den Umwelteinflüssen, der Erziehung und der Liebe und Förderung, die ein Kind erfährt."

Yuriko Wahl-Immel, dpa
18.06.2012

 
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Das Buch:

Joe Bausch:
Knast

Bild: Buchcover Joe Bausch, Knast

Berlin: Ullstein Buchverlag 2012
282 S., € 18,00
ISBN: 978-3-550-08004-3

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