Medien & Gesellschaft

Irans leidvolle jüngste Geschichte

«Warum lächeln die Iraner nicht?», fragt Christopher de Ballaigue in seinem Buch «Im Rosengarten der Märtyrer». Seine Antwort verweist auf den schiitischen Glauben, auf die bis heute intensiv gefühlte Trauer um den vor gut 1300 Jahren ermordeten Imam Hussein, den großen Märtyrer der Schiiten. Hussein beanspruchte seinerzeit die Führung der Muslime. Als er den Einwohnern der Stadt Kufa bei Kerbela ­ heute Irak - gegen den Omaijaden-Herrscher Yazid zu Hilfe kommen wollte, wurde er getötet.

1300 Jahre später, im September 1980 greift Saddam Hussein den durch Revolutionswirren geschwächten Iran an. Revolutionsführer Khomeini organisiert die Verteidigung des Landes, nicht mit militärischem Sachverstand, sondern mit revolutionärem Eifer. In der Offensive «Kerbela Vier» rennen die schlecht bewaffneten Basidschis (Ihr Motto lautet: «Blut wird das Schwert besiegen») gegen moderne irakische Panzer und Maschinengewehre an, stürmen mit dem Ruf «Allahu akbar!» in Minenfelder und finden zu Tausenden den Tod. Ohne jeden militärischen Nutzen. In Massen werden junge Männer, Jugendliche in dilettantisch geführten Offensiven verheizt. «Ein Jackpot wartete darauf, ergriffen zu werden: der Märtyrertod», resümiert de Ballaigue die fanatische Opferbereitschaft der iranischen Jugend.

Die Führung um Khomeini inszeniert einen gigantischen Märtyrer- Kult, um die Nation allen Opfern zum Trotz zusammenzuschweißen. «Je entsetzlicher die Umstände des Todes eines Mannes und je sinnloser er war, umso größer war die Wandfläche an einem Wohnblock, die seinem Andenken gewidmet wurde.» Hossein Charrazi, ein Verwandter des späteren Außenministers Kamal Charrazi und Gründer der Division «Imam Hussein», rettet einen Kameraden, der mit seinem Wassertransporter versehentlich auf die irakischen Stellungen zufährt. Wie sich herausstellt, ist der Fahrer ein alter Bekannter von ihm. Unbekümmert beginnen sie eine Plauderei vor den feindlichen Linien und werden von einer Granate zerrissen.

De Ballaigue, 1971 geboren, Islamwissenschaftler und Iran-Kenner, besucht den «Rosengarten der Märtyrer» in Isfahan und lässt auf dem Heldenfriedhof die einstigen Kameraden der Gefallenen zu Wort kommen.
Der mit einer Iranerin verheiratete Korrespondent des britischen «Economist» kontrastiert den Idealismus, das Leid und den Kampf der heiligen Krieger mit dem Alltag des Landes, das nicht stehen geblieben ist. Die Leute streiten ums Geld, hören Popmusik, besuchen Kampfsportschulen und tanzen gar auf der Straße. Selbst Mullahs streben nach materiellem Reichtum. Veteranen, die noch zu Tausenden an den Spätfolgen der irakischen Giftgasangriffe leiden, fühlen sich unverstanden und an den Rand gedrängt.

Sadegh Zarif, der einst in jugendlichem Revolutionseifer Lehrerinnen und Mitschüler terrorisierte und dann gegen den Willen der Eltern in den Krieg zog, begibt sich mit dem Autor auf Spurensuche in den Schlachtfeldern von Abadan und Chorramschahr, die für Iraner den Klang von Verdun und Stalingrad haben. De Ballaigue dringt tief in die jüngste Geschichte Irans ein. Auch die vorrevolutionäre Zeit kommt dabei nicht gut weg. Er schreibt vom «Sündenmorast» unter dem Schah und nennt den König der Könige einen «Feigling».

Einige der heiligen Krieger werden später mit ebenso heiligem Eifer Oppositionelle. Einer von ihnen heißt Akbar Gandschi, der die Lockerung der Pressezensur unter dem liberalen Präsidenten Mohammed Chatami dazu nutzt, die Verbrechen des Regimes anzuprangern. «Er lehrte die Iraner von den Männern, die sie regierten, etwas zu verlangen, das sie noch nie zu fordern gewagt hatten: eine Erklärung.» Zum Beispiel für die Serienmorde an Intellektuellen Ende 1998, der unter anderen die Reformer Dariusch und Parwana Foruhar zum Opfer fielen. Seit 2000, nach der Rückkehr von einer Konferenz in Berlin, sitzt Gandschi im Gefängnis ­ als Märtyrer der Opposition.

Gegen Ende der deutschen Ausgabe seines 2004 in London erschienenen Buches geht de Ballaigue auf die jüngsten Ereignisse bis zur Wahl des neuen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad ein. Doch hoch aktuell ist das Buch aus einem anderen Grund. Der Autor wirft die Frage auf, welche Rolle die Vernunft, der Common sense, in der antiwestlichen, dem Fremden gegenüber misstrauischen Welt Irans spielt. Christopher de Ballaigue, den seine iranischen Bekannten lieber «Reza Ingilisi» nennen, weil sie seinen Vornamen nicht gern in den Mund nehmen, beantwortet diese Frage sehr britisch:
«Konspirationen sind ungeheuer unterhaltsam, und sie können ansteckend sein.»

Bernhard Sprengel (dpa)
17.03.2006

 
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Das Buch:

Christopher de Ballaigue:
Im Rosengarten der Märtyrer

Bild: Buchcover Christopher de Ballaigue, Im Rosengarten der Märtyrer

München: C. H. Beck Verlag 2006
340 S., € 24,90
ISBN: 3-406-54374-X

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