Medien & Gesellschaft

Scheinbare Doppelgesichtigkeit des Nazi-Regimes

«Aber er hat auch Autobahnen gebaut», sagte Mancher in der Nachkriegszeit, wollte er dem Grauen der zwölf Hitler-Jahre etwas Gutes abgewinnen. Vom Volkswagen über den Volksempfänger bis zum Raketenbau - das Regime, das so unvorstellbar mordete, trieb auch den technischen Fortschritt rasant voran. Auch wenn es meist nur darum ging, die eigene Macht zu festigen oder effektiver zu töten.

Historiker sprechen von einer «reaktionären Modernität». Till Bastian versucht, in seinem neuen Buch «High Tech unterm Hakenkreuz», diese scheinbare Doppelgesichtigkeit des Regimes auch einem breiteren Publikum näher zu bringen.


Bastian beginnt mit dem augenfälligsten Aspekt: «Autowahn und Autobahn». Er verschweigt nicht, dass schon zu Weimarer Zeit erste reine Autostraßen eröffnet worden waren. Doch das ändert nichts an der «verkehrspolitischen Wende», die das Jahr 1933 markierte. Die neuen Machthaber kündigten 6000 Kilometer Reichsautobahnen an.

Ferdinand Porsche konzipierte den «Kraft-durch-Freude-Wagen», den späteren «VW-Käfer». Auch wenn bis zum Kriegsende vor allem Militärautos wie der VW-Kübelwagen vom Band liefen, war dies die Grundlage für die Massenmotorisierung in Deutschland.


Bastian schildert anschaulich die krassen Gegensätze der NS-Politik. Der Blick auf das KZ «Mittelbau Dora» spiegelt einerseits den Rückfall in tiefste Barbarei gegenüber den Häftlingen.
Andererseits ließ die Fortschrittlichkeit der dortigen hochmodernen Laboratorien für die Rakete V 1 die alliierten Soldaten 1945 staunen.

«Was wir erblickten, war einfach faszinierend», wird ein US-Oberst zitiert. Bastian verfällt dieser Bewunderung für die technischen Höchstleistungen nicht. Immer wieder verweist er auf die verbrecherische Natur der Hitler-Diktatur.

Kaum belegbar und nachvollziehbar sind jedoch manche Linien, die er aus dem «Dritten Reich» bis in die Gegenwart zieht. Etwa wenn der Wegfall von Tempo-Limits in der NS-Zeit mit dem Geschwindigkeitsrausch heutiger Raser in Verbindung gebracht wird.

Auch wird es die eher an amerikanischen Vorbildern orientierten deutschen Privatsender zumindest erstaunen, dass sie nach Bastian von der Vorarbeit eines Joseph Goebbels profitieren. Denn der habe im Rundfunk eine «Diktatur des heiteren Banalen» eingeführt. Zum schweren Lesestoff wird Bastians Buch streckenweise auch durch zahlreiche Schachtelsätze, viele Querverweise und Abschweifungen.

Till Bastian ist einer der ungewöhnlicheren Autoren über die NS-Zeit. Der Sohn des Grünen-Mitbegründers Gert Bastian und gelernte Mediziner war in den 80ern Vorsitzender der «Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs». Danach schrieb er engagiert über Ärzte im «Dritten Reich» und deutsche Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg, aber auch über aktuelle Umwelt- und Friedensthemen. Auch sein neues Thema sei wichtig, schreibt Bastian. Es bleibt jedoch unklar, warum er dieses Buch geschrieben hat. Die Fakten sind schon bekannt, wie Bastian selbst erklärt. Sein Verlag habe ihn um das Buch gebeten; allein für die komprimierte Darstellung des Bekannten, meint der Autor, dürfe sein Buch jedoch «eine gewisse Originalität» beanspruchen.

Burkhard Fraune (dpa)
01.12.2005

 
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Das Buch:

Till Bastian:
High Tech unterm Hakenkreuz. Von der Atombombe bis zur Weltraumfahrt

Bild: Buchcover Till Bastian, High Tech unterm Hakenkreuz. Von der Atombombe bis zur Weltraumfahrt

Leipzig: Malitzke Verlag 2005
256 S.
ISBN: 3-8618-9740-7

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