Medien & Gesellschaft

"War es gut?"

In einer unprätentiösen Taschenbuchausgabe der Reihe „edition suhrkamp“ kommt er daher, dieser vermeintliche Autorenratgeber, der eigentlich gar keiner ist, sondern eine höchst spannende Zusammenstellung von Erfahrungsberichten aus dem Labor "Schreibwerkstatt", in der sowohl Dozenten als auch Studenten des Literaturinstituts Leipzigs zu Wort kommen. Herausgegeben von Meistern ihres Fachs, die derzeit eine Professur an der "Baumschule" für angehende Autoren innehaben.

Das Vorwort stimmt den interessierten Leser (oder selbst Schreibenden) gleich mit einem gekonnten Seitenhieb auf die wuchernde Ratgeberliteratur („Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ usw.) ein, die ja meist auch ein bestimmtes Literaturkonzept einschließt: Begriffe wie Plot, Spannung und Handlungsaufbau beschreiben eben nur andeutungsweise, was gute und vor allem: moderne Literatur ausmacht (es sei hierbei an Thomas Mann oder Robert Musil erinnert).

Bedenken, es eröffne sich nun der galante Reigen der Genieästhetiker, die nur halbklare Verlautbarungen von sich geben, aber auch die Hoffnung, hier werde das vermittelt, was eben jene kritisierte Ratgeberliteratur zu geben verspricht: ein Rezept, nach dem vorzugehen wäre, um ein gutes Gedicht, eine perfekte Kurzgeschichte oder gleich einen zweiten Buddenbrook zu schreiben – beides trifft (glücklicherweise) auf diesen Band nicht zu. Vielmehr wird versucht, die eigenen Schreibanfänge und –erfahrungen zu verbalisieren, was je nach Autor und Genre sehr verschieden ausfällt. So lesen sich Alfred Behrens Ausführungen zu Das Drehbuch ist der Traum von einem Film wie ein eigenes Drehbuch – Metafiktionalisierung des Fiktionalisierens. Wir lernen, wie hoher Anspruch sich mit gleichzeitiger Demut paaren kann: Eine Kurzgeschichte sei ein „Brühwürfel“, der hoch konzentriert das enthalten solle, was rein theoretisch in einem Roman ausgeführt werden könne – lebenspraktisch umgemünzt: „Es gibt so viel gute Literatur, daß der sterbliche Leser mit dem, was ein Schriftsteller zu sagen hat, nicht länger beschäftigt werden darf als unbedingt nötig.“ Wenig später konterkariert von der amüsanten Beschreibung der recht bescheidenen Ansprüche des gegenwärtigen Buchmarktes (und damit auch der Öffentlichkeit?): „Erzählen, ja, sehr gerne, aber bitte unverkrampft, womit wir inhaltlich unkonventionell meinen. Doch lesbar sollte es sein, frei von Sprachexperimenten oder orthographischen Mätzchen und im – möglichst authentischen – Ich-Ton gehalten und lang und breit vor allem“ usw. Da scheinen herkömmliche Ratgeberliteratur und Verlage sich ja aufs Beste zu verstehen...

Der Häme, die dem Literaturinstitut oft entgegengebracht wird, weil viele erfolgreiche Schriftsteller aus ihm hervorgegeangen sind – als ob es, wie Jo Lendle so schön schreibt, „akademisches Doping“ betreibe – wird mit Selbstreflexion begegnet. Schreiben ist ein Prozess, bei dem man oft innehalten und mit einem fremden, kritischen Blick auf den eigenen Text schauen muss. Die Seminargruppe schult diesen Blick und ist gleichzeitig als Repräsentant der literarischen Öffentlichkeit zu betrachten, der man sich früher oder später zu stellen hat. Äußerst unterhaltsam – da Haslinger hier Einblicke in seine Zeit als Mitglied der Wespennest-Redaktion gewährt – liest sich sein Aufsatz über die, wenn man so sagen darf: Genese der Schreibschulen aus den „Autorenschulen der Nachkriegszeiten“ – den Literaturzeitschriften. Da hier heutzutage kaum noch nennenswerte ästhetische Debatten stattfinden, sind es nun u.a. die Universitäten, die diese fortführen. Eine Debatte, die beim Autor selbst beginnt, der nach dem Verfassen seines ersten Gedichtes denkt: „Ich sah, daß es gut war.“ Und wenig später zweifelt: „War es gut?“

Nicole Stöcker
04.04.2005

 
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Das Buch:

Josef Haslinger, Hans-Ulrich Treichel: Wie werde ich ein verdammt guter Schriftsteller

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Frankfurt/M.: Suhrkamp 2005
210 S., 10,00
ISBN: 3-51812-3955

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