Medien & Gesellschaft

Englund schildert den Ersten Weltkrieg von "ganz unten"

Der Schwede Peter Englund spricht jedes Jahr ein gewichtiges Wort bei der Vergabe des Literaturnobelpreises mit. Als Historiker hat er nun eine originelle und bewegende Geschichte des Ersten Weltkriegs geschrieben: 19 Beteiligte erzählen von "ganz unten".

"Ich habe eine gewisse Sehnsucht nach der Front", notiert der deutsche Artillerist Herbert Sulzbach Ostern 1916. Wenig später macht der französische Infanterist René Arnaud "Schichtdienst" beim Massenschlachten von Verdun, inmitten verwesender Leichen und deren Gestank. Der 23-Jährige wird mit anderen Überlebenden nach zehn Tagen Dauerbeschuss von einer anderen Einheit als Kanonenfutter abgelöst. Er hat sein Zeitgefühl verloren und denkt: "Krieg ist schön, in den Augen von Generälen, Journalisten und Gelehrter."

Der Historiker Peter Englund, international bekannt als Sprecher der schwedischen Jury für den Literaturnobelpreis, lässt beide Männer zu Wort kommen in seinem grandiosen Buch "Schönheit und Schrecken - Eine Geschichte des Ersten Weltkriegs in neunzehn Schicksalen". Vier Jahre Krieg mit 17 Millionen Toten werden hier ausschließlich aus der Sicht von 19 "ganz unten" Beteiligten geschildert, die Tagebücher, Briefe, Memoiren oder andere schriftliche Erinnerungen hinterlassen haben.

Die Australierin Olive King fährt Krankenwagen für die serbische Armee. Der Arzt Harvey Cushing kommt 1915 aus den USA nach Paris, um aus erster Hand Kriegschirurgie zu lernen. Herbert Sulzbach, Spross einer assimilierten jüdischen Großbürgerfamilie aus Frankfurt, ist 20, als der Krieg im August 1914 ausbricht.

Chronologisch und wechselweise lässt Englund seine Hauptpersonen zu Wort kommen. "Ich gehe zurück auf das Erlebnis des Individuums als fundamentalem Baustein der Geschichte. Und bleibe auf dieser Ebene der Geschichte von ganz unten", beschreibt der Schwede seine Methode.

Immer wieder ist verblüffend, wie wenig die 19 über die "großen Zusammenhänge" wissen. "Fast niemand hat ein realistisches Bild von dem, was abläuft", sagt Englund. Umso überwältigender fällt die Schilderung eigener Erlebnisse mit immer mehr Chaos, Leiden und Verzweiflung aus. Gerade das Fehlen allwissender Erklärungen bringt verblüffende Elemente des Kriegsalltags klar und erschütternd ans Licht. Etwa wenn der Söldner Rafael de Nogales im Dienst der osmanischen Armee Zeuge systematischer Massenmorde an Armeniern wird. Und nichts davon begreift.

Walter Kempowski hat in seiner überwältigenden Dokumenten-Sammlung "Echolot" aus dem Zweiten Weltkrieg Zeitzeugen nur direkt zitiert. Englund gibt die Schilderungen überwiegend als Erzähler in seiner eigenen, eleganten, aber immer angemessen zurückhaltenden Sprache wieder. In belletristischer Manier geschilderte äußere Umstände wie Wetter oder Landschafts-Impressionen erzeugen eine gewisse Unsicherheit. Man liest: "Über sich erkennt Angus Buchanan die Sterne wie dünne Nadelstiche aus Licht. Aber er erwartet schon den Sonnenaufgang." Ist das hier am Ende doch eine von Englund erdachte oder imaginierte Geschichte?

"Nein, ich bleibe ganz Historiker", versichert der Autor. Dass wir uns in die Gefühlswelt der Beteiligten am Ersten Weltkrieg "ganz unten" hineindenken und -fühlen, hält er für eine unerlässliche Voraussetzung zum Verständnis dieser Jahrhundert-Katastrophe. "Durch das Wegschneiden unseres Wissens über den Ersten Weltkrieg können wir die Katastrophe vielleicht besser von innen verstehen."

Wozu auch das verstörende Wort "Schönheit" im Buchtitel gehöre: Weil viele Menschen diesen Krieg als "Aufbruch" lange Zeit schön fanden. Das legte sich dann für fast alle gründlich, wie in Englunds Buch eindrucksvoll nachzulesen ist.

Thomas Borchert, dpa
30.01.2012

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Peter Englund:
Schönheit und Schrecken - Eine Geschichte des Ersten Weltkriegs erzählt in neunzehn Schicksalen. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt

Bild: Buchcover Peter Englund, Schönheit und Schrecken - Eine Geschichte des Ersten Weltkriegs erzählt in neunzehn Schicksalen

Berlin: Rowohlt Berlin 2011
704 S., € 34,95
ISBN: 978-3-87134-670-5

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.