Medien & Gesellschaft

Thea Dorn erkundet "Die deutsche Seele"

Ob Kulturnation oder Ordnungsliebe, Gemütlichkeit oder Rabenmutter - Thea Dorn und Richard Wagner erklären "Die deutsche Seele". Unter den rund 60 Begriffen finden sich auch der Bierdurst und die deutsche Wurst.

In Deutschland gibt es eintausendfünfhundert Wurstsorten, darunter die Bierwurst, die Knackwurst, die Mettwurst, die Teewurst und natürlich die Currywurst. An deren Erfinderin Herta Heuwer erinnert in Berlin sogar eine Gedenktafel. Jeder, der schon einmal auf Reisen im Ausland war, wird bestätigen, dass Deutschland ein Wurstparadies ist. Aber verkörpert die Wurst auch die deutsche Seele? Wenn es nach Thea Dorn und Richard Wagner geht, ja. Denn in ihrem Buch "Die deutsche Seele" ist der Wurst ein eigenes Kapitel gewidmet, neben 63 anderen Begriffen.

Somit findet sich die Wurst in trauter Nachbarschaft zur Kulturnation und Ordnungsliebe, zur Gemütlichkeit und Rabenmutter. Die deutsche Seele verkörpern nach Meinung der Autoren aber auch der Bierdurst, die Dauerwelle, der Strandkorb und natürlich "Bruder Baum".

Brauchen wir überhaupt ein Buch über die deutsche Seele? Nach Meinung der Autoren unbedingt: "Wir machen uns keine Sorgen, dass Deutschland sich abschafft. Wir sehen nur, dass es sich herunterwirtschaftet. Sein Gedächtnis verliert." Die einen wollten aus Scham über den Nationalsozialismus alles Deutsche gleich mit der Wurzel ausreißen, die anderen fühlten sich pudelwohl, solange nur "der Fernseher läuft und im Kühlschrank genügend Bier steht." Gerade angesichts der europäischen Krise und der Integrationsdebatte sei es Zeit für eine Selbstvergewisserung: "Jemand, der nicht weiß, wo er herkommt, kann auch nicht wissen, wo er hin will."

Thea Dorn und Richard Wagner kommen aus durchaus unterschiedlichen Welten und gehören auch verschiedenen Generationen an. Die 41-jährige Thea Dorn, eine gebürtige Hessin, schrieb Krimis, Theaterstücke und Sachbücher wie "Die neue F-Klasse" und ist zudem Moderatorin einer SWR-Büchersendung. Der fast 20 Jahre ältere Richard Wagner ("Habseligkeiten") ist ein Banater Schwabe und verbrachte seine ersten 35 Jahre in Rumänien, bevor er in die Bundesrepublik kam. Er erzählt im Kapitel "Heimat" seine sehr persönliche Geschichte. Denn Heimat war für ihn das Banat, die Muttersprache war Deutsch, das Vaterland aber Rumänien.

Heimat ist einer dieser Begriffe, denen lange Zeit etwas Zwielichtiges anhaftete. Man verband ihn mit rührseligen Heimatfilmen der 50er Jahre oder mit den Heimatvertriebenen, die für viele eine rückwärtsgewandte Politik verkörperten. Dann kam in den 70er Jahren der Filmemacher Edgar Reitz und wagte es tatsächlich, seine monumentale Hunsrück-Saga "Heimat" zu nennen. Ein Tabu war gebrochen. Man durfte wieder eine Heimat haben. Auch das deutsche Volkslied erlitt ein unrühmliches Schicksal. Nach der Pervertierung im Nationalsozialismus wurde es in Acht und Bann getan (nachzulesen im Kapitel Männerchor). Dabei ging auch viel verloren.

Die Autoren wollen vor allem solche verschütteten Traditionen aufzeigen. Dabei spannen sie den Bogen weit zurück in die Vergangenheit. Wir erfahren, dass Martin Luther und die Pietisten nicht ganz unschuldig an deutscher Arbeitswut und teutonischem Ordnungssinn sind, dass der traumatisierende Dreißigjährige Krieg der Vater aller Dinge war, vor allem aber der "German Angst". Lehrreich auch die Erkenntnis, dass die deutsche Vereinsmeierei keineswegs auf Tauben- oder Geflügelzüchter zurückzuführen ist, sondern auf eifrige Sprachschützer, die im 17. Jahrhundert die "edle Muttersprache" von "fremdem Wortgepränge" befreien wollten.

Und wer weiß schon, dass es neben dem urdeutschen Begriff der "Rabenmutter" früher auch einmal einen "Rabenvater" gab? So jedenfalls ist es bei Schiller dokumentiert, bevor sich dieser Begriff aus unerfindlichen Gründen in Luft auflöste.

Natürlich ist eine Auswahl immer subjektiv. Ob Schadenfreude nur eine typisch deutsche Eigenschaft ist? Spießbürger dürfte es ebenfalls in anderen Nationen geben. Und es verwundert, dass für die deutsche Identität so wichtige Begriffe wie Atomkraft oder Wirtschaftswunder nicht vorkommen, dagegen die Gründerzeit, obwohl sie in den Köpfen längst nicht mehr so präsent ist. Auf jeden Fall ist "Die deutsche Seele" ein schönes Buch zum Schmökern, wobei die vielen Bilder zum Lesevergnügen beitragen.

Sibylle Peine, dpa
16.01.2012

 
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Das Buch:

Thea Dorn, Richard Wagner:
Die deutsche Seele

Bild: Buchcover Thea Dorn und Richard Wagner, Die deutsche Seele

München: Knaus Verlag 2011
560 S., € 26,99
ISBN: 978-3-8135-0451-4

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