Medien & Gesellschaft

"Die Todesmärsche 1944/45": schauriges Mammutwerk

Auschwitz, Dachau, Mauthausen und Bergen-Belsen haben sich als Mahnmale ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Doch was passierte eigentlich mit den Häftlingen, als die Alliierten heranrückten? 

Plötzlich brauchte niemand mehr die Arbeitskraft der Häftlinge in den Konzentrationslagern. Der Krieg war im Winter 1944/45 bereits verloren, die Alliierten rückten vor und keiner wusste, was mit den 700.000 Gefangenen geschehen sollte. In diesem Chaos wurden die Räumungen der Lager zu Todesmärschen, bei denen Hunderttausende an Unterernährung, Erfrierung, Erschöpfung und brutaler Gewalt starben. Geschichtswissenschaftlern ist dieses Kapitel der nationalsozialistischen Herrschaft zwar bekannt - doch niemand hat die Todesmärsche bisher als Gesamtkomplex erforscht. 

Der israelische Historiker Daniel Blatman hat zehn Jahre lang Quellen zu den Todesmärschen in Europa, den USA und Israel ausgewertet und seine Ergebnisse nun in einem monumentalen Werk vorgelegt. Auf 864 Seiten beschreibt er zunächst das ganze Konzentrationslageruniversum mit Hunderten Haupt- und Nebenlagern und dokumentiert dann minuziös Räumung um Räumung, Flüchtlingszug um Flüchtlingszug und schließlich Erschießung um Erschießung. Seine akribische Forschung und die fundierten Analysen zeigen die verstörenden Vorgänge im zusammenbrechenden Reich und lassen den Leser tief betroffen zurück. 

Als sich das Dritte Reich auflöste, herrschte Chaos. "Inmitten der heillosen Konfusion dieses Rückzugs, in dem Millionen von Zivilisten, Soldaten, Verwaltungsbeamte und Parteifunktionäre mit ihren Familien nach Westen flohen, kam es zur Räumung der großen Konzentrationslager", so Blatman. Die Evakuierung erfolgt überstürzt, schlecht organisiert und unter oft katastrophaler Versorgung. So konnte es beispielsweise passieren, dass Häftlinge aus Natzweiler-Struthof nach Dachau unterwegs waren, während andere den Weg in entgegengesetzter Richtung zurücklegten. 

Ein Schrecken des Buches sind seine detaillierten Beschreibungen. "Einige Häftlinge hielten ihre Blechteller beim Marschieren die ganze Zeit in der Hand, um vielleicht ein paar Regentropfen einzusammeln. Andere sammelten mit Taschentüchern ihren Schweiß, um sie dann über dem Mund auszuwringen, trotz des hohen Salzgehaltes, der den Durst noch verstärkte." Außerdem schockt Blatman mit Fakten: Bei Mauthausen und Dachau wurde überlegt, entweder eine Massenvergiftung der Zehntausenden Häftlinge zu unternehmen oder das Lager aus der Luft zu bombardieren. 

Doch besonders schockierend ist, wie der 1953 geborene Historiker die Toten vor die Haustüren der Deutschen legt. Denn die Täter findet er nicht nur bei altgedienten SS-Männern. Zu Mördern wurden auch normale Bürger, Mitglieder des Volkssturms, Polizisten und die Kinder der Hitlerjugend, die "Hasenjagden" in den Wäldern veranstalteten. 

"Die Mörder waren normale Bürger in anormalen Situationen", schreibt Blatman. Und er liefert eine Erklärung: Diese Menschen lebten in ständiger Angst. Sie kannten Verluste in den eigenen Familien, litten unter den ständigen Luftangriffen, lebten in wirtschaftlicher Not und unter brutalem Terror. Der Marsch der verhungernden Häftlinge kreuz und quer durch das Reich wurde, so sieht es Blatman, als eine Bedrohung für die persönliche Sicherheit empfunden. Und diese musste brutal verteidigt werden. In der Atmosphäre der Unsicherheit wurden Normalbürger zu Mördern, da sie die KZ-Häftlinge als tatsächliche Bedrohung sahen. 

Eindrücklich schildert Blatman den Fall Gardelgen. Am 13. April 1945 wurden über eintausend Überlebende in eine Scheune gesperrt und verbrannt. Wer zu fliehen versuchte, der wurde an den Türen von Männern des nächsten Dorfes niedergestreckt oder später im Wald von enthusiastischen Jugendlichen verfolgt. Die letzten Morde waren also nicht ein Glied in der großangelegten "Endlösung der Judenfrage" - ohnehin waren die Häftlinge Angehöriger aller europäischen Nationen und Ethnien -, sondern eine entfesselte Gewalt von unten. 

Doreen Fiedler, dpa 
12.12.2011

 
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Das Buch:

Daniel Blatman:
Die Todesmärsche 1944/45. Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmordes. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke

Bild: Buchcover Daniel Blatman, Die Todesmärsche 1944/45. Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmordes

Reinbek: Rowohlt Verlag 2011
864 S., € 34,95
ISBN: 978-3-498-02127-6

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