Medien & Gesellschaft

Die Mörder waren unter uns

Diese Überschrift ist nicht zufällig gewählt, sondern sie spielt auf den Film "Die Mörder sind unter uns" an, dem berühmten Film von Wolfgang Staudte, in der Hauptrolle Hildegard Knef, in dem ein Kriegsverbrecher von seinem Opfer erkannt und schließlich enttarnt wird. Die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse sind aus dem Geschichtsunterricht noch bekannt.

Schon weit weniger bekannt sind die Nürnberger Folgeprozesse, so auch der große Ärzteprozess, bei dem sich einige Ärzte wegen Euthanasie und anderer Verbrechen verantworten mussten. Nahezu unbekannt ist es jedoch, dass nicht nur die meisten der dort zu langjährigen Haftstrafen verurteilten Ärzte – übrigens auch die in den anderen Prozessen verurteilten Angehörigen weiterer belasteter Berufe – 1951, spätestens jedoch 1953 wieder frei waren. Außerdem ist es nicht in die Öffentlichkeit gedrungen, dass viele der Personen, die sich im Dritten Reich etwas zuschulden kommen ließen, weder bestraft wurden noch ein Unrechtsbewusstsein entwickelten.

Wie auch sollte es zu Verurteilungen kommen, wenn die Angeklagten vor Richtern und Staatsanwälten standen, die selbst auf die Anklagebank gehört hätten? Denn es gab mehrere belastete Berufsgruppen. Diese werden im vorliegenden Buch von mehreren Autoren behandelt. Im einzelnen sind dies: Mediziner, Unternehmer, Offiziere, Juristen und Journalisten.

Das Erschreckende an diesem Buch ist die Vielzahl der hochrangigen Kriegsverbrecher oder zumindest schuldig gewordenen Personen, die nach dem Krieg nicht nur schnell wieder zu Amt und Würden kamen. Es ist auch die junge Republik, die auf der einen Seite als Bollwerk gegen den Kommunismus aufgebaut wird, auf der anderen Seite aber ignoriert, dass eine große Zahl von Personen, die im Dritten Reich an maßgeblicher Stelle saßen, sich wieder in ähnlichen Positionen engagieren konnten. Einige von ihnen mussten zwar Rückschläge hinnehmen, weil sie sich zu sehr exponierten, aber das Gros kam doch ungeschoren davon.

So ist es kein Wunder, dass einige große Kriegsverbrecherprozesse wie der Düsseldorfer Majdanekprozess erst Jahrzehnte nach Kriegsende stattfinden konnten. Es war nicht so, dass nicht bekannt war, wer Schuld auf sich geladen hatte, sondern weil die Strafverfolgungsbehörden kein Interesse an der Verfolgung hatten, weil ihre Angehörigen befürchten mussten, dass dann auch eigene Taten ans Licht kommen würden.

Das Fazit ist, dass es erst eine Strafverfolgung geben konnte, nachdem die Richterschaft und die Staatsanwälte des Dritten Reichs nicht mehr tätig waren, weil sie pensioniert wurden oder verstarben. Einige wenige Prozesse wurden von ihren Nachfolgern noch geführt. Fast alle Kriegsverbrecher sind verstorben, die wenigen noch lebenden aus Altersgründen verhandlungsunfähig. Sie konnten ihr Leben in Ruhe und Frieden beenden. Die Zwangsarbeiter im Deutschen Reich und viele andere, die unter ihnen gelitten haben, wurden aber erst spät, die meisten aber gar nicht entschädigt und quasi doppelt bestraft.

Dieses Buch ist auch ein Mahnmal dafür, dass sich so etwas nicht wiederholen darf und dass Verbrechen, die im Ostteil Deutschlands während 40 Jahren DDR-Herrschaft begangen wurden, nicht ungesühnt bleiben dürfen.

hah
01.09.2002

 
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Das Buch:

Norbert Frei:
Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945

Bild: Buchcover Norbert Frei, Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945

Frankfurt/M.: Campus Verlag 2002
364 S., € 25,50
ISBN: 3-593-36790-4

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