Medien & Gesellschaft

Falsche Marschrichtung?

Die Verfasser sind promovierte Historiker. Die von ihnen behandelten Themen sind ihnen seit Jahren vertraut. Ihr nun im Oktober 2001 gemeinsam veröffentlichtes Buch orientiert sich an ihrer ein-helligen Feststellung: "Die Bonner Tradition der Vergangenheitsbewältigung und der Kultur der Zurückhaltung geht zu Ende ... Diese lbstbewußte Nation wurde zur vielbeachteten und beschworenen Metapher" (S.12/13). Wer wegen des Titels "Mythos Wehrmacht" nach dem Buch gegriffen hatte, kann sich denken, dass diese Entwicklung auf Einwände der Autoren stoßen wird. Dargestellt wird denn auch, dass sie von einer nicht zufällig verfehlten Zielorientierung beeinflusst worden sei.

Zunächst referiert Detlef Bald (Jg. 1941) über die bis in unsereTage andauernden "Kämpfe um die Dominanz des Militärischen". Er zeichnet nach, wie der "Mythos Wehrmacht" bei der deutschen Wiederbewaffnung Fuß fasst in der neuen Bundeswehr. Sie, die eine Armee von "Staatsbürgern in Uniform" werden sollte, orientiert an der neu konzipierten "Inneren Führung", - sie ist von Anbeginn dem "Vorbild Wehrmacht" verfallen, weil Hitlers Generale tonangebend wurden. Diese und nicht die Reformer um den ehemaligen Generalstabsmajor Graf von Baudissin genießen die Förderung der Bundesregierung unter Konrad Adenauer und dessen dominantem Verteidigungsminister Franz Josef Strauß. Den damit gesetzten Trend sieht Bald auch in den neunziger Jahren wirksam. "Politik und Militär handelten erneut in traditionali tischer Weise gemeinsam" (S.62). Dem entspricht das Resumee: "Die aktuelle Misere des ‚Staatsbürgers in Uniform’ wurde de facto von vielen verabschiedet. ‚Innere Führung’ droht zu einer Karikatur zu werden" (S.64). Doch "das Unbehagen am Zustand des Militärs entfachte bislang kein Kreuzfeuer der Kritik. Nur wenige sprachen aus, welche Misere sich unter der olivgrünen Decke breitgemacht hat", lautet der resignierende Schluss.

Einzelheiten dieser Entwicklung hat der Freiburger Historiker Prof. Wolfram Wette unter die Lupe genommen. Seine Mitarbeit im Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in Freiburg von 1971 bis 1995 machen ihn zu einem intimen Kenner seiner Materie. Denn in Freiburg lagerte damals jener Teil des Bundesarchivs, der die schriftliche Hinterlassenschaft der deutschen Wehrmacht umfasst. Wettes Urteil über die Gründung der Bundeswehr: "In der Summe stellt sich der Übergang von der Wehrmachtzur Bundeswehr als ein kompliziertes Gemisch von institutionellen Neuerungen und personeller Kontinuität dar" (S.77). Wette kann auf zwei markante Beispiele verweisen: "Generalstabsoffiziere wie Speidel und Heusinger (erster Generalinspekteur) dienten in insgesamt vier Armeen, im Kontingentsheer der Kaiserzeit, in der Reichswehr der Weimarer Zeit, in der Wehrmacht des NS-Staates und in der Bundeswehr. Wie kam es, dass sie alle Übergänge schafften und stets ihre Karriere fortsetzen konnten?" Als Antwort zitiert Wette den Reichswehr-General Hans von Seekt: "Die Form wechselt, der Geist bleibt der alte" (S.78). Diese Einstellung sehen alle drei Autoren noch heute in der Bundeswehr vorherrschen.

Ein Leser, der mit solchen Details vielleicht wenig anzufangen weiß, findet in Wettes Darstellung "Mythos Stalingrad" auf nur 12 Seiten am ehesten den Einstieg in die Materie des ganzen Buches: Denn der "außergewöhnliche Stellenwert", der der Schlacht um Stalingrad allgemein beigemessen wird, lässt sich mit Wolfram Wette am besten dahin verstehen, dass die Schlacht "in der Tat einen entscheidenden Wendepunkt im Bewusstsein der Deutschen darstellt. Ein Erwachen aus Überlegenheitsphantasien und aus gläubiger Gefolgschaft" (S.94). Mehr noch, im Hinblick "auf die Irrationalität und die Radikalität des ‚Durchhaltens’" stelle die Schlacht "gleichsam das Modell für die letzte Phase des Krieges 1944/45" dar. Ein "Untergangsmythos, der in der deutschen Wahrnehmung die andauernde Faszination der Schlacht um Stalingrad ausmacht" (S.95).

Die im Mittelpunkt der Schlacht stehende deutsche 6.Armee ist, wie bekannt, auch Gegenstand der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Die Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944". Für Wette legt diese Ausstellung "einen folgenreichen Wechsel der gewohnten Perspektive nahe. Ihre Konsequenz lautet nämlich, die Soldaten der 6. Armee nicht mehr primär in ihrer Opferrolle zu sehen, sondern als Täter in einem Vernichtungskrieg, die im Kessel von Stalingrad in eine ausweglose Verlierersituation gerieten" (S.109). Das werde, so Wette, ihre künftige Wahrnehmung beeinflussen: "Angehörige der nachwachsenden Generation sehen im Aufweis des Zusammenhangs von Vernichtungskrieg und Stalingrad eine notwendige, zugleich erschütternde Aufklärung. Das bedeutet, dass die Debatte über eine angemessene Erinnerung an Stalingrad auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach Ende des 2.Weltkrieges noch keineswegs abgeschlossen ist" (S.104).

Die Wehrmacht-Ausstellung selbst ist Thema von Johannes Klotz. Er stellt sie dar in ihrem Widerspruch "zwischen Geschichtswissenschaft und Geschichtspolitik". Klotz lässt noch einmal die Kontroverse um diese Ausstellung in ihrer ganzen Heftigkeit Revue passieren, einschließlich ihrer zeitweiligen Schließung, die er für nicht überzeugend begründet hält. Abschließend eine Darstellung des "Mythos Wehrmacht in der Gegenwart". Was er feststellen muss, lässt Klotz zweifeln, "ob der freie und unvoreingenommene Blick möglich wird, der erforderlich ist, den Krieg und die Verbrechen der Deutschen unter den übergreifenden und zentralen Fragen des 20. Jahrhunderts zu interpretieren" (S.172). Sein Fazit ist eher negativ. Denn Klotz sieht "die Anhänger der nicht-konservativen, antitotalitären, zivilgesellschaftlichen Moderne, ja einer Weltbürgergesellschaft" als ein "neues politisch-kulturelles Establishment, das Unvereinbares miteinander vereinbaren kann:Heftige Kritik an der NS-Vergangenheit und die Aufdeckung von historischen Verbrechen gegen die Menschheit mit ‚aktuellen’ Erfordernissen von Militäreinsätzen der Bundeswehr, Kritik an historischer Gewalt und an historischen Destruktionskräften mit gleichzeitigem Einverständnis bzw. stillschweigender Hinnahme aktueller politischer und militärischer Gewaltanwendung gegen nicht-konforme Gesellschaften" (S.175).

Das sind harsche Vorwürfe. Man kennt ihre Schärfe aus dem Historikerstreit in den 80er Jahren und eben aus der Auseinandersetzung um die Wehrmacht Ausstellung seit 1995. Das Besondere diesmal sind jedoch zweifellos ihre Adressaten. Das sind nun nicht mehr "die ewig Gestrigen", das "Establishment", gegen das die 68er zu Felde zogen. Nein, das sind jetzt sie selber, die Johannes Klotz nun als das "neue politisch-kulturelle Establishment" ausgemacht haben will. Die Heftigkeit ihrer Kritik am NS-Staat und seiner Verbrechen diene, so hat der Rezensent den Autor verstanden, keinem anderen Zweck als der Salvierung eigener politischer Ziele. Trifft seine Analyse zu, wäre eine fragwürdigere Instrumentalisierung des Grauens kaum denkbar.

An dem im Herbst 2001 veröffentlichten Buch fällt im Übrigen auf, dass es in Bezug auf die Bundeswehr zwei wesentliche Änderungen unbeachtet lässt: Die Zulassung von Frauen zum Wehrdienst und die obsolet gewordene Wehrpflicht. Dass Frauen dem "Mythos Wehrmacht" erliegen könnten, scheint wenig wahrscheinlich. Und der Wehrpflicht wird nachgesagt, sie diene inzwischen nur noch der Aufrechterhaltung des Zivildienstes. Entfalle dieser, sei das deutsche Gesundheitswesen gefährdet. Mit der trotzdem zu erwartenden Aufhebung der Wehrpflicht aber schlägt dem "Mythos Wehrmacht" endgültig die Todesstunde. Denn hat er nicht die vergangenen Jahrzehnte sich vor allem aus dem Mythos Wehrpflicht gespeist?

dsh
04.03.2002

 
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Das Buch:

Detlef Bald, Johannes Klotz, Wolfram Wette: Der Mythos Wehrmacht. Nachkriegsdebatten und Traditionspflege

Bild: Buchcover Detlef Bald, Johannes Klotz, Wolfram Wette, Der Mythos Wehrmacht. Nachkriegsdebatten und Traditionspflege

Berlin: Aufbau Taschenbuchverlag 2001
211 S.
ISBN: 3-7466-8072-7

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