Medien & Gesellschaft

Die Zwangsjacke um Russlands weite Seele

Alexandra Dohmen-Giemullas Tagebuch beginnt am 30. 8. 1997. Es ist der Bericht einer Frau, die ein Jahr lang an einer russischen Schule als Programmlehrerin die örtlichen Lehrkräfte unterstützen soll. Im Mai 1998 endet das Protokoll in Saratov. Dazwischen liegen Monate, die fast unbeschreiblich sind.

Es sind nicht nur die Lebensumstände, die fehlende Wasserversorgung, die Probleme bei der Beschaffung von Nahrungsmitteln, die Kälte, die Einsamkeit, die entsetzlichen Baracken, in denen Menschen hausen, die vielen kleinen Hindernisse selbst beim Telefonieren, die mangelnde ärztliche Versorgung, das Mobbing, die unverständlich sind, auch nicht die zahlreichen positiven Erlebnisse tiefer menschlicher Nähe, Demut vor der Kraft, mit der die Russinnen ihr hartes Leben ergreifen, die Liebe, die die Kinder nach Monaten des Misstrauens der Lehrerin aus dem Westen entgegenbringen – es ist ein vollkommen unbekanntes Land, das verwirrt, Fragen aufwirft, Wut auslöst und tiefe Trauer.

Für die Autorin ist Russland nicht unbekannt, sie hat sich intensiv mit Land und Leuten befasst, aber wie der Alltag in Saratov nun wirklich aussieht, erfährt man nicht aus Büchern, wird in den offiziellen Hochglanzbroschüren, mit denen man Lehrer für diese Aufgabe begeistern möchte, nicht erwähnt. Niemand bereitet einen auf die Kälte vor, den Schmutz, die unglaublichen Wohnbedingungen, die Zufälle, die entweder eine Heizung bescheren oder eben nicht, die Gerüche, vor allem aber sagt einem niemand, was diese Menschen dort eigentlich fühlen, denken, wovon sie träumen, was für Ziele sie haben.

Beim Lesen fiel mir erst so richtig auf, dass man ein paar Jahre Perestroika nicht mit einem Land vergleichen kann, das schon viel länger die Vorzüge einer Demokratie genießen darf. Jahrhunderte lang unterdrückt, erst von Zaren, dann vom kommunistischen Regime, haben die Menschen gelernt, zu schweigen und zu arbeiten, zu entbehren und dennoch aus dem Wenigen, was vorhanden ist, Unglaubliches zu schaffen und zu leisten.

Das formt die Menschen – sie sind es nicht gewohnt zu hinterfragen. Schikanen sind normal. Das meiste erledigt sich von selbst, warum also der Eifer? Wir Westler mit unserer Freiheit, unserem Recht auf eigene Meinung, dem Überfluss, in dem wir leben – dürfen wir uns anmaßen, die Menschen dort in diesem riesengroßen, weiten Land zu verstehen?

Russland ist für viele von uns das Land des Doktor Schiwago, der träumerisch am Schreibtisch sitzt und in den Schnee starrt, die Dekadenz Anna Kareninas, die Hochleistungssportler, die Sputnikbauer, die ehemaligen Machthaber im Osten mit den Satellitenstaaten, das Land der Ikonen und der tiefen Frömmigkeit, Ort des Schreckens in Sibirien, weggesperrte Schriftsteller und das Gold des Kreml. Das alles ist auch Russland, aber es ist nicht der gelebte Alltag. Wir sind gewohnt, Dinge anzupacken, wenn wir von deren Notwendigkeit überzeugt sind. Und wenn sich Hindernisse ergeben, versuchen wir, sie wegzuräumen, suchen Alternativen, fordern Rechte ein, schreiben Leserbriefe, klagen und mahnen. Oft mit Erfolg.

Derartige Strategien sind in Russland undenkbar. Weshalb sie das sind und was passiert, wenn man dennoch mit westlicher Selbstsicherheit versucht, nach gewohnter Manier irgendwelche Missstände zu bemängeln, schildert die Autorin sehr anschaulich in diesem Buch.

Es sind zahlreiche erschütternde Beispiele aufgeschrieben, wie hart der Alltag der Menschen in Russland ist, wie weit entfernt von freiem Geist, von Demokratie und überhaupt von einem Selbst-Bewusstsein die Menschen dort leben. Das große Russland mit seinen Bodenschätzen, seinen unglaublichen Ressourcen an Menschen und Möglichkeiten – es ist nach der Lektüre ein ganz anderes Land. Was sich daraus für Notwendigkeiten im Miteinander ergeben, muss neu definiert werden. Hier ist nicht westliche Entwicklungshilfe gefragt, die übergestülpt wird, nicht der Tropfen auf den heißen Stein. Die Arbeit fängt an einem ganz anderen Punkt an: Am Bewusstsein der Menschen. Als Lehrerin ist man damit natürlich schon am richtigen Platz, doch bis Russlands Lehrer auch solche Gedanken frei äußern können, braucht es noch einige Generationen.

Das Buch lässt den Leser erschüttert zurück. Wir haben es warm, wir haben zu essen, unsere Kinder gehen zur Schule und dürfen lernen. Chancen können erkannt und oft auch genutzt werden. Das ist in Russland nicht der Fall. Junge Lehrer, die ihren Beruf lieben und als oberste Maxime die Vermittlung von Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Freude am Lernen betrachten, gelten als Feinde, die man aussortieren muss – noch greifen die alten Denkmuster und Strukturen. Es braucht mehr Menschen, die Mut machen zum Durchhalten!

Die Autorin schildert ihre ganz persönlichen Erlebnisse. Dadurch wird das fremde, ferne Land dem Leser ganz nah. Es sollte allen an die Hand gegeben werden, die mit missionarischem Eifer nach Russland fahren und dort anderen Menschen das "Leben lehren wollen". Einerseits, um Entsetzen und Zusammenbruch zu vermeiden, andererseits aber auch, um die Entfaltungsmöglichkeiten realistischer zu sehen.

Alexandra Dohmen-Giemulla hat ihren russischen Kollegen versprochen: "Ich werde in Deutschland von euch erzählen" und das hat sie eingelöst. Aber auch die Problematik benennt sie klar: "Man kann keine allgemeingültige Aussage über Russland machen, weil alles so sehr schwierig und vielschichtig ist", ein Satz, über den man nachdenken sollte, ehe man in typisch westlicher Selbstüberschätzung über das Land richtet. Beim Lesen dachte ich oft an die alte Indianerweisheit "Urteile erst über mich, wenn du mindestens zwei Monde in meinen Mokassins gelaufen bist". Das Buch gibt notwendige Einblicke in eine Welt, die es auch bei uns im Land einmal ähnlich gegeben hat.

csc
16.02.2002

 
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Das Buch:

Alexandra Dohmen-Giemulla:
Die weiße Macht im Osten

Bild: Buchcover Alexandra Dohmen-Giemulla, Die weiße Macht im Osten

Herdecke: Scheffler Verlag 2001
275 S.
ISBN: 3897040700

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