Medien & Gesellschaft

Wenn das World Wide Web zur krankhaften Obsession wird

Die ersten Untersuchungen bezüglich der Schattenseiten des Internets und seinem multimedialen Überangebot wurden 1996 von der US-amerikanischen Wissenschaftlerin Kimberly S. Young publiziert. Rund sieben Jahre nach der Einführung des World Wide Web wurden die eigentlich schockierenden Enthüllungen der Psychologin über das Suchtpotenzial der Online-Welt vielfach belächelt. Doch dass diesbezüglich ein Umdenken dringend vonnöten ist, müssten die meisten von uns mittlerweile begriffen haben. Schließlich sorgen immer wieder Schlagzeilen über bis zur Erschöpfung an den PC gefesselte Online-Spielsüchtige oder Internetnutzer mit geradezu krankhaftem Pornographiekonsum für Wirbel in der Öffentlichkeit. Dennoch gilt Onlinesucht immer noch nicht offiziell als Krankheit. Mit ihrer neusten Veröffentlichung setzt die deutsche Autorin und Onlinesucht-Expertin Gabriele Farke mit "Gefangen im Netz?" ein Zeichen dafür, dass dies nicht so bleiben darf.

Farke legt großen Wert auf eine klare, unmissverständliche Definition des Phänomens der Onlinesucht. Internetsuchtkrank sind diejenigen, die das World Wide Web nicht in ihr Leben integrieren, sondern vielmehr ihr Leben in ihren Internet-Konsum. Mögliche Konsequenzen hiervon sind eine völlige Abschottung von der Außenwelt sowie ein vollständiges Desinteresse für die "Offline-Welt", was die Betroffenen im schlimmsten Fall in den Selbstmord treiben kann. Farke definiert drei Untergruppen von Onlinesucht: Online-Kommunikationssucht, Online-Spielsucht, und Online-Sexsucht.

Der Großteil des Inhalts von "Gefangen im Netz?" widmet sich der Beschreibung zahlreicher Erscheinungsformen der drei Suchtkategorien, wobei die durchaus komplexen Zusammenhänge auch für den größten Laien zu diesem Thema leicht verständlich vermittelt werden. Zahlreiche Erlebnisberichte von Betroffenen helfen hierbei zusätzlich, die Tragweite der mehr als stiefmütterlich behandelten Suchtkrankheit zu illustrieren. Einige der besagten Beiträge sind Erfolgsgeschichten von ehemals Abhängigen, die ihre Internet-Obsession überwunden haben. Wiederum andere sind geradezu erschreckende Belege, wie extrem ein einzig auf das Internet ausgerichtetes Leben die Wahrnahme der Realität verzerren kann.

Wer könnte sich als Gelegenheits-Internetnutzer vorstellen, dass Pornographie-Abhängige in Kauf nehmen, ihren Partnern Tag um Tag Leid anzutun? Oder dass hochtalentierte Schüler und Studenten aufgrund von Online-Spielen wie "World of Warcraft" den Anschluss an das Leben verlieren? Gabriele Farke sorgt dafür, dass die Motivation derer, die das World Wide Web als Mittel zur Realitätsflucht gebrauchen, für jedermann nachvollziehbar wird, ohne hierbei je ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

In Anbetracht all dessen scheint es regelrecht unglaublich, dass Onlinesucht auch heute noch nicht als Erkrankung anerkannt ist. Wer "Gefangen im Netz?" gelesen hat, wird Gabriele Farke beipflichten, dass es sich bei ihr um eine ernstzunehmende Beeinträchtigung der Lebensqualität handelt, die keinesfalls zu unterschätzen ist. Was das "Aufklärungsbuch" der Onlinesucht-Expertin so besonders macht, ist nicht nur seine absolut klare und für jedermann nachvollziehbare Schilderung einer durchaus komplexen Pathologie und die Vielzahl an sinnvollen Behandlungsansätzen. Besonders die teils bestürzenden, teils berührenden Geschichten von Betroffenen, die die Flucht in die Online-Welt am eigenen Leib erfahren haben, werden mit Sicherheit dazu beitragen, so manchem Skeptiker die Augen zu öffnen. Eine absolute Pflichtlektüre für jeden Leser, der sich über die Schattenseiten des World Wide Web informieren möchte.

Johannes Schaack
15.08.2011

 
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Das Buch:

Gabriele Farke:
Gefangen im Netz? Onlinesucht: Chats, Onlinespiele, Cybersex

Bild: Buchcover Gabriele Farke, Gefangen im Netz? Onlinesucht: Chats, Onlinespiele, Cybersex

Bern: Huber Verlag 2011
152 S., € 14,95
ISBN: 978-3-456-84943-0

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