Medien & Gesellschaft

Erschütternder Monolog: "Der Kommandant"

1947, nur wenige Wochen nach der Hinrichtung des Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, erblickte Jürg Amann das Licht der Welt. Jetzt hat der Schweizer Autor die Aufzeichnungen des Nazi-Schergen zu einem erschütternden Monolog verdichtet. 

Er war der Befehlshaber der größten Menschen-Vernichtungsanlage aller Zeiten und passte dennoch nicht ins Bild des sadistischen Massenmörders. Rudolf Franz Ferdinand Höß (1900-1947), unter dessen Kommando Millionen Menschen in die Gaskammern des Konzentrationslagers von Auschwitz geschickt wurden, galt als durchschnittlicher Kleinbürger, dessen liebevolle Fürsorge für die Familie in krassem Gegensatz zu der Gefühlskälte gegenüber seinen Opfern stand. Der Schweizer Jürg Amann hat jetzt Höß' Erinnerungen zu einem Monolog komprimiert, der wohl keinen Leser kalt lässt. 

"Angesichts der Wirklichkeit ist alles Erfinden obszön", schreibt Amann im Nachwort seines erschütterndes Textes, in dem er nichts erfunden und zu dem er kaum ein Wort hinzugefügt hat. In einer Mischung aus naiver Selbstdenunziation und Verdrängung schrieb Höß nach seiner Verhaftung durch die britische Militärpolizei bis zu dem durch das polnische Oberste Volksgericht verhängte Todesurteil seine Erinnerungen auf über 300 eng beschriebenen Seiten auf. In Amanns verdichtetem Text tritt ein Mann von erschreckender Normalität zutage, der bis zum Tode dem nationalsozialistischen Gedankengut treu geblieben ist, auch wenn der Nazi-Staat "falsch, ja verbrecherisch" gehandelt habe. 

"Ich selbst habe persönlich nie Juden gehasst", schrieb der Nazi-Scherge. Er kenne das Gefühl Hass überhaupt nicht. Doch wenn Hitler die Massenvernichtung befohlen habe, dann sei es nicht an ihm gewesen, darüber nachzudenken. Mit entsetzlicher Sachlichkeit berichtet der Kommandant vom "reichlich bunten Leben" im KZ und der Tötung Hunderttausender Menschen. "Mir graute immer vor den Erschießungen", heißt es in dem Text. Deshalb sei er beruhigt gewesen, "dass uns allen diese Blutbäder erspart bleiben sollten", als die vermeintlichen Duschen gebaut und dort die Menschen vergast wurden. 

"Schizoide Apathie" hatte der Gerichtspsychologe dem angeklagten ehemaligen SS-Obersturmbannführer bescheinigt: Auf der einen Seite erwies sich Höß als naturverbundener und pflichtbewusster Familienmensch ("Ja, meine Familie hatte es in Auschwitz gut."), auf der anderen Seite aber verstand er es, Moral und Gewissen vollkommen auszublenden, auch wenn er "seit Beginn der Massenvernichtung nicht mehr glücklich" gewesen sei. "Mag die Öffentlichkeit weiter in mir die blutdürstige Bestie, den grausamen Sadisten, den Millionenmörder sehen. Sie würde doch nie verstehen, dass der auch ein Herz hatte, dass er nicht schlecht war." 

Susanna Gilbert-Sättele, dpa 
15.08.2011

 
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Das Buch:

Jürg Amann:
Der Kommandant. Monolog

Bild: Buchcover Jürg Amann, Der Kommandant. Monolog

Zürich/Hamburg: Arche Verlag 2011
112 S., € 14,00
ISBN: 978-3-7160-2639-7

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