Medien & Gesellschaft

Nourig Apfeld: "Ich bin Zeugin des Ehrenmords"

Ihre Schwester wird vom Vater und von Cousins getötet. Im Wohnzimmer, mitten in Bonn. Der sogenannte Ehrenmord ist Schlusspunkt jahrelanger Unterdrückung und Gewaltorgien. Für die verängstige Zeugin gehen die Qualen weiter. Jetzt hat sie ein erschütterndes Buch vorgelegt. 

Nourig Apfeld ist in der Steinzeit großgeworden. In ihrer archaischen muslimischen Familie herrschten Zwang und Gewalt, sie und ihre jüngere Schwester lebten mit Schlägen, Misshandlungen, Demütigungen. Ihre Schwester Waffa wurde nicht alt. Der eigene Vater und zwei Cousins brachten sie um, im heimischen Wohnzimmer in Bonn, wie Apfeld nach jahrelangem Schweigen in ihrem Buch "Ich bin Zeugin des Ehrenmords an meine Schwester" schreibt. Sie selbst musste an dem Seil ziehen, das um den Hals des noch warmen Körpers Waffas gebunden war. Als Warnung. Mit dem geschilderten eigenen Martyrium weist die Autorin auch zugleich auf starke fundamentalistische Kräfte hin, deren "menschenfeindliches System" in Europa angekommen sei. 

Im Alter von sieben Jahren folgten Nourig, ihre Schwester und Mutter dem Vater aus Syrien nach Bonn, wohin er als Regimegegner und Kurde geflüchtet war. Die Mutter ist Analphabetin, bleibt isoliert, wird immer unglücklicher und depressiv, schlägt ihre Kinder und zwingt Nourig ein Leben "als Sklavin in der Hölle" auf. Der Vater gerät unter den Einfluss seiner zwei erwachsenen Neffen, die von einer Schande für die Sippe sprechen. Seine Töchter seien noch immer zu frei und zu wenig unterwürfig. 

Waffa, rebellischer als die große Schwester, wird zur Umerziehung in die Türkei geschickt. Nach zwei Jahren kommt sie seelisch gebrochen zurück, von Familienmitgliedern vergewaltigt und schwanger. Da ist sie 16 Jahre alt. Sie bittet um Hilfe beim Jugendamt, das der Autorin zufolge auf ganzer Linie versagte. Waffa läuft immer wieder weg, wird obdachlos, am Ende ermordet, der Leichnam wird im Auto weggeschafft, wie Nourig als Augenzeugin beobachtet. 

Nourig lebt mechanisch weiter, versucht sich um die zwei weiteren völlig verwahrlosten Geschwister zu kümmern. Nach mehr als zehn Jahren, vielen Therapien, einigen Erfolgen aus eigener Kraft an Uni und in Nebenjobs bricht sie ihr Schweigen. Ihre Ehe mit einem Deutschen, der ihr wichtiger Halt war, zerbricht. Er und viele andere Freunde unterstützen sie dennoch weiter. 

Die Ermittlungen der Polizei bringen Apfeld in Lebensgefahr, ein versprochenes Zeugenschutzprogramm erweist sich als Farce, endet im Fiasko, es kommt auch nicht zur zugesagten neuen Identität. Das 2007 begonnene Gerichtsverfahren endet mit einer achtjährigen Haftstrafe für ihren Vater wegen Totschlags. Cousin Kaan, den die Autorin für den Hauptschuldigen hält, kommt auf freien Fuß. Auch heute noch gibt die Deutsch-Syrerin ihren Wohnort nicht preis und lebt in Angst vor dem eigenen Familienclan. 

Der sogenannte "Ehrenmord" ist "Mord im Namen eines fehlgeleiteten und pervertierten Ehrbegriffs" - und auch in Europa angekommen, schreibt Günter Wallraff im Vorwort des Buches. "Als Einfuhrartikel von Migranten, die ihre frauen- und kinderfeindliche Haltung aus ihrer alten in ihre neue Heimat importiert haben." Der Kölner Schriftsteller betont: "Alltägliche Gewalt und Zwangsheirat töten schleichend, der "Ehrenmord" unmittelbar. Beides ist Mord im Brustton patriarchaler Überzeugung." 

Sich bei einem solchen Mord auf den Islam oder Allah zu berufen, ist absurd, meint Wallraff. "Es wäre ein schlechter Gott, der seine weiblichen und seine kindlichen Geschöpfe auf dem Altar männlicher Machtansprüche schlachten lässt." Apfeld beschönige nichts, auch mit sich selbst gehe sie hart ins Gericht, ebenso mit den deutschen Institutionen. 

"Die islamisch-traditionell-archaische Werteordnung dieses Systems ist auf einer Herrschaft von Angst, Unterwerfung und immer wieder auch Terror errichtet", warnt Apfeld. "Ich stelle Migranten aus dem islamischen Kulturkreis die Frage, ob ihr Leben in einer Parallelwelt wirklich so erstrebenswert ist." Das Kopftuch, gegen das sie selbst als Jugendliche immer wieder rebellierte, hält sie für ein Zeichen der Unfreiheit und Unterdrückung, für eine "Kampfansage an die Aufklärung und die Menschenrechte". Es sei an der Zeit, mehr Mut und Rückgrat zu zeigen, appelliert die Autorin. Sie selbst ist mit guten Beispiel und mutigen Aussagen vorangegangen. 

Yuriko Wahl, dpa 
16.05.2011

 
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Das Buch:

Nourig Apfeld:
Ich bin Zeugin des Ehrenmords an meiner Schwester

Bild: Buchcover Nourig Apfeld, Ich bin Zeugin des Ehrenmords an meiner Schwester

Reinbek: Wunderlich Verlag 2010
283 S., € 19,95
ISBN: 978-3-8052-5013-9

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