Medien & Gesellschaft

Das Leid Afrikas in einem Buch

Afrika ist bis zum heutigen Tage ein Kontinent voller Probleme und behaftet mit allerlei Sorgen. Neben einer nach wie vor hohen HIV-Rate von vier Prozent und Verletzungen der Menschenrechte ist für Supermodel und Bestseller-Autorin Waris Dirie die Praktik der Genitalverstümmelung (d.h. die teilweise oder gänzliche Entfernung weiblicher Geschlechtsteile, kurz auch FGM genannt) von größter Wichtigkeit. Seit mehr als acht Jahren kämpft sie gegen diese veraltete und grausame Tradition an und setzt sich für die Belange ihres Geschlechts mit aller Härte ein. Mit "Wüstenblume" drang das Thema erstmals an die breite Öffentlichkeit und konzentrierte das Interesse der Deutschen auf das konfliktreiche Problem. Nun legt die Menschenrechtsaktivistin mit "Schwarze Frau, weißes Land" nach und schafft damit ein Werk, das ähnlich auf den deutschen Buchmarkt einschlägt wie der erfolgreiche Vorgänger.

Als eine Frau mit schwarzer Haut und dem Geburtsland Somalia ist es Dirie gewohnt, mit Vorurteilen und sogar Fremdenhass konfrontiert zu werden. Einen Ausschnitt davon erzählt sie nun in dem fast 350-Seiten-starken Buch, in dem die Emotionen zuweilen überkochen und der Leser von diesen bis ins tiefste Mark getroffen wird. Das ist auch definitiv Diries Stärke, denn ihre Beschreibungen sind gerade wegen ihres sehr nahen Realitätsbezugs packend und berührend. Wie sonst gelingt es der Somalierin, dass man bei der Lektüre regelrecht wütend wird, wenn man hilflos ansehen muss, wie die junge Frau von Polizeibeamten diskriminiert wird? Und das ist nur ein Beispiel von vielen ...

Auch wenn Diries Kampf gegen FGM im Mittelpunkt von "Schwarze Frau, weißes Land" steht, so gewährt dieses Buch doch einen detailreichen und zugleich faszinierenden Einblick in die Schönheit Afrikas und in das einfache Leben der dortigen Bevölkerung. Mit jedem Wort ist hier die Liebe zum schwarzen Kontinent, insbesondere Somalia, spürbar. Und diese trägt die Autorin auch zum Leser, der die ferne Landschaft bei der Lektüre beinahe vor seiner Tür glaubt - so fassbar sind ihre Beschreibungen von Land und Leuten. Auch wenn die Kulisse hier zauberhaft scheint, so wird hier garantiert nichts verschönert. Manchmal sind es kleine Andeutungen, die einen schockiert zurücklassen. Oft ist es Diries schnörkelloser Schreibstil, der die teilweise grausame Wirklichkeit zum Leser transportiert und dessen Atem stocken lässt.

Trotz eines ernsten Hintergrundes weiß Waris Dirie mit "Schwarze Frau, weißes Land" dermaßen gut zu unterhalten, dass man gleich mit den ersten Worten mitten in das Geschehen hineinspringt und dabei glaubt, die geschilderten Grausamkeiten am eigenen Leib zu spüren. Dies ist es auch, was eine großartige Schriftstellerin ausmacht, denn dieses Buch rüttelt den Leser wach und lenkt dessen Blick zu den wichtigen Dingen dieser Welt, in der längst nicht alles so schön ist, wie es für viele scheint. Diries Erinnerungen und Schilderungen sind vielmehr aufrüttelnd und beabsichtigen, das schlechte Gewissen beim Menschen zu sein. Einfach ein unerschütterliches Zeitdokument.

Susann Fleischer
26.04.2011

 
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Das Buch:

Waris Dirie:
Schwarze Frau, weißes Land

Bild: Buchcover Waris Dirie, Schwarze Frau, weißes Land

München: Droemer Verlag 2010
344 S., € 19,95
ISBN: 978-3-426-27535-1

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