Medien & Gesellschaft

Holterdipolter

True Crime boomt in Deutschland! Zu diesem Urteil muss kommen, wer die deutsche Fernsehlandschaft genauer unter die Lupe nimmt. Neben dem Klassiker "Aktenzeichen XY ... ungelöst", bei dem die aktive Mithilfe der Bevölkerung in Anspruch genommen wird, erfreuen sich Dokumentar-Sendereihen mit realen Kriminalfällen seit einigen Jahren größter Beliebtheit. Für das ARD-Format "Die großen Kriminalfälle" sind bereits acht Staffeln abgedreht und gesendet worden. Die hohen Einschaltquoten belegen das Interesse der Menschen an Realitätsszenarien als Gegenentwurf zum fiktiv konstruierten Kriminalfilm. Daher erscheint es nur folgerichtig und überfällig, dass der größte True-Crime-Bestseller aller Zeiten ins Deutsche übersetzt und nun im riva Verlag veröffentlicht worden ist: Vincent Bugliosis Dokumentation "Helter Skelter" über das personifizierte Böse namens Charles Manson ist quasi die Mutter aller True-Crime-Stories.

In den August-Tagen des Jahres 1969 befand sich Los Angeles in einem Zustand der Schockstarre. Am 9. August drangen Unbekannte auf ein Anwesen in Beverly Hills ein und ermordeten, vielmehr schlachteten dort die hochschwangere Sharon Tate, Ehefrau von Roman Polanski, und vier weitere Gäste. Einen Tag später wurde mit ähnlicher Handschrift ein weiteres Ehepaar in Los Angeles umgebracht. Viele Wochen verstrichen, ohne dass die Polizei in ihren Ermittlungen Fortschritte machte, ja sogar überhaupt einen Zusammenhang zwischen den beiden Taten erkennen konnte. Eher zufällig führte die Spur dann zu einer Hippie-Kommune auf einer abgelegenen Ranch, zur sogenannten "Manson-Family".

Charles Manson, ein 1,58 m kleiner Mann, war der Anführer dieser Kommune bzw. Familie. Manson hatte in seinem Leben einiges ausprobiert, war jedoch stets gescheitert. Dank seiner charismatischen Ausstrahlung gelang es ihm allerdings, viele junge Frauen in seinen Bann zu schlagen und sie letztlich sogar zu Mörderinnen zu machen. Der Prozess gegen Charles Manson und seine Familie endete im März 1971 mit dem Urteil der Todesstrafe gegen ihn und drei seiner Mittäterinnen. Später wurden die Urteile in lebenslange Verwahrung umgewandelt, so dass Manson heute immer noch in einem kalifornischen Staatsgefängnis einsitzt.

Der leitende Staatsanwalt Vincent Bugliosi hatte seinerzeit zusammen mit Curt Gentry ein Buch über die Morde und den Prozess veröffentlicht: "Helter Skelter". Es verwundert, dass erst 36 Jahre danach eine deutsche Übersetzung ihren Weg in die Regale der hiesigen Buchläden gefunden hat. Dem riva Verlag ist damit wahrlich ein Erfolgscoup gelungen! Das vorliegende Buch umfasst in seiner sehr gelungenen deutschen Übersetzung 784 fesselnde Seiten und lässt sich thematisch in mehrere Abschnitte teilen: Zunächst werden sehr brutal und zarten Gemütern mitunter nahegehend die Morde selbst geschildert, bevor das Buch im zweiten Abschnitt zur eigentlichen Geschichte des Mordprozesses übergeht. Dabei kommen die Schilderungen über das Verhalten der Angeklagten vor Gericht beinahe gespenstisch rüber: Manson, der Wahnsinn in Person, und seine immer fröhlichen und gut gelaunten Blumenkinder. Abschließend versucht Bugliosi das Phänomen Charles Manson zu fassen und zu begreifen. Er legt Mansons Pläne und Absichten dar, in einem aus dessen Sicht bevorstehenden Krieg zwischen Schwarzen und Weißen den Schwarzen Morde und schreckliche Taten zuzuschieben, um die Öffentlichkeit gegen sie aufzuhetzen.

Die äußere Aufmachung des Buches versprüht mehr reißerisches Blutvergießen als dem Buch tatsächlich innewohnt. Die zahlreichen Fakten sind hervorragend dokumentiert und lesen sich darüber hinaus sehr gut recherchiert, was ob der Nähe Bugliosis zum Manson-Fall keine Überraschung darstellt. Glücklicherweise wird im Buch eine Liste der darin vorkommenden Personen bereitgehalten, da man ansonsten sehr leicht den Überblick und eventuell auch das Interesse verlieren könnte. Besonders beeindruckend und sich nachhaltig in die Erinnerungen des Lesers einprägend ist der 36 Seiten starke Bildteil in der Mitte des Buches: Polizei- und Justizfotos von Tatorten und Tätern ziehen den Leser - ob gewollt oder nicht - in ihren Bann.

Bugliosis Buch übt eine sogartige Faszination auf den Leser aus: Es scheint zu untermauern, dass, je schrecklicher Verbrechen und Verbrecher sind, die Aufmerksamkeit und Gebanntheit der Nachwelt umso größer ist. Ähnlich lässt sich auch das nie nachlassende Interesse vieler am Zweiten Weltkrieg und den Gräueltaten Nazi-Deutschlands erklären, da die Ohnmacht der Menschen zwecks Verarbeitungsversuche immer wieder nach weiteren Informationen verlangt.

Der Leser, der sich hierzulande für den Manson-Fall interessiert, hat nur eine einzige Option, falls er alles wissen möchte: nämlich das vorliegende Buch zu kaufen und zu lesen. Eine derartige Fülle und Tiefe an Informationen findet sich nirgendwo sonst zu diesem Fall. Charles Manson gilt nicht zu Unrecht für viele Kriminologen neben Jack the Ripper als der schrecklichste und blutrünstigste Verbrecher aller Zeiten. Gruselig wird es einem spätestens bei dem Gedanken, dass Manson immer noch lebt, im Gefängnis weilt und bei jeder Gelegenheit Gnadengesuche für ihn eingereicht werden. Nach Studium des vorliegenden Buches werden sich einem bei diesem Gedanken mindestens einmal die Nackenhaare vor Furcht aufstellen.

Christoph Mahnel
20.09.2010

 
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Das Buch:

Vincent Bugliosi:
Helter Skelter - Der Mordrausch des Charles Manson

Bild: Buchcover Vincent Bugliosi, Helter Skelter - Der Mordrausch des Charles Manson

München: riva Verlag 2010
784 S., € 24,90
ISBN: 978-3-86883-057-6

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