Medien & Gesellschaft

Agitation statt Argumentation

Der "Eulenspiegel" war eine in der DDR gern gelesene Satirezeitschrift. Wem die nicht genügte, der hielt sich das "Neue Deutschland", das "Organ des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands". Soviel Deutschland war so beharrlich nirgendwo in der DDR. Deutschland im Titel der Tageszeitung und im Namen der Partei, wo immer seltener von Deutschland die Rede war. Das war kaum mehr zu überbietende Satire wie so vieles, was den Lesern der Parteipresse Jahrzehnte geboten wurde. Unfreiwillige Satire. Bittere Satire. Böse Satire. Oft nur "Zwischen den Zeilen" zu lesen.

So, passenderweise, der Titel einer Publikation, die Burghard Ciesla und Dirk Külow verfassten. Ihr Buch verspricht die "Geschichte der Zeitung 'Neues Deutschland'" zu sein. Für die Leser des Dreibuchstaben-Landes war das Zentralorgan der Partei, kurz ND genannt, zunehmend eine gleichgültig hingenommene "Pflicht"-lektüre. Wer ND wie EN DE aussprach zeigte Haltung. Wer vom "Organ" sprach war selbst zum Satiriker oder Zyniker geworden. Viele Leser stapelten ihr Abonnementsblatt ungelesen und gaben es gebündelt in den Altstoffhandel. Die Lust, zwischen den Zeilen zu lesen, wich zunehmend der Unlust auch nur eine Zeile des Parteiblattes wahr- und ernstzunehmen.

Nicht jeder litt wie Christa Wolf. Sie musste sich das Blatt vom Leibe halten, das sie "krank machte", wie sie sagte. Das war für die Schriftstellerin so bereits in den sechziger Jahren. Gleichmut, Widerwillen, Abstand machen die Autoren in der "Zeit nach 1977/78" aus. Irrtum! Die Verfasser wissen es besser. Sie berichten von so manchem läppisch-lächerlichen Fall der Schönfärberei oder dreist-dümmlicher Fälschung in den Frühzeiten der Zeitung.

Das "Neue Deutschland" kam seit 23. April 1946 an die Zeitungskioske. Das war gut organisiert, unter schwersten Bedingungen, ein Tag nach der Gründung der SED. Es erschienen die "Reichsausgabe" und die "Berliner Ausgabe". Gemacht von Journalisten, die ihr Metier beherrschten und sich nicht von der Partei beherrschen lassen wollten. Jeder künftige Wechsel in der Chefredaktion und in der Ausstattung änderte nichts an der prinzipiellen Absicht des Parteijournals, Propagandist der Partei zu sein. Agitation war immer wichtiger als Argumentation. Die Argumentation wurde immer propagandistischer. Das Papier war für die Propaganda da. Die Propaganda wurde immer papierner. Die Wahrheit stand Kopf in den Lettern des ND. "Das Parteiorgan wird nicht herausgegeben, um Menschen zu unterhalten, oder um Geld zu verdienen. Es wird  herausgegeben, um Politik zu machen, um einen politischen Kampf zu führen", formulierte 1950 der Chefredakteur Rudolf Hernnstadt. Er wurde ebenso ein Opfer der politischen Kämpfe wie die gesamte Presse in der DDR.

Die Geschichte des ND geschrieben zu haben, bedeutete für Ciesla und Külow nicht, die Geschichte der Presse der DDR zu schreiben. Dennoch ist "Zwischen den Zeilen" ein Buch zur Geschichte der DDR-Presse, wie es ein Buch zur Geschichte der DDR ist. Die Verfasser haben sich angestrengt, nie in den Verdacht zu kommen, etwas von der plumpen, peinlichen, propagandistischen Machart des ND zu kopieren. Eine unpolitische Publikation will "Zwischen den Zeilen" nicht sein. Die Verfasser verhalten sich so gut wie möglich und so gut wie nötig distanziert zum Gegenstand der Darstellung. Sie wollen dem ND nicht an die Lettern. Vor allem nicht dem Blatt, das sich seit fast zwei Jahrzehnten als einzige "Sozialistische Tageszeitung" in Deutschland behauptet. Nahezu schweigsam werden die Publizisten, als sie gezwungen sind, über die fatale, enge Verstrickung des ND und seiner Mitarbeiter mit der Staatssicherheit zu sprechen. Nach zwei Seiten ist Schluss mit der Debatte!

Ciesla und Külow sind keine Ankläger. Sie sind keine Analytiker. Sie sind auch nicht die Autoren einer Anekdotensammlung. Analytisches und Anekdotisches sind in der aufbereiteten und ausgebreiteten Fülle der Fakten und Daten. Die Masse des Materials bestimmt die Sachlichkeit der Chronisten, die auch ihren Stil prägt. Sie "erzählen" nicht, wie behauptet, die Geschichte der Zeitung. Sie listen auf, sie zeigen auf, wer, was die Geschichte der Zeitung machte und ausmachte. Manchmal schimmern Sätze auf, die aus dem alten "Neuen Deutschland" stammen könnten. "ND beschäftigt sich prüfend, aber nicht vernichtend mit der Geschichte der DDR und damit auch der eigenen", schreiben die wohlwollenden Publizisten im Schlusskapitel von "Zwischen den Zeilen". Präzise haben Burghard Ciesla und Dirk Külow so auch ihre Position beschrieben.

Bernd Heimberger
30.03.2009

 
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Das Buch:

Burghard Ciesla, Dirk Külow:
Zwischen den Zeilen. Geschichte der Zeitung "Neues Deutschland"

Bild: Buchcover Burghard Ciesla, Dirk Külow, Zwischen den Zeilen

Berlin: Das Neue Berlin 2009
256 S., € 24,90
ISBN: 978-3-360-01920-2

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