Medien & Gesellschaft

«Skandal!» - Studenten befragen Betroffene

Der Journalist Udo Röbel (59) war an drei großen Skandalen beteiligt. Als der Bundeswehr-General Günter Kießling wegen angeblicher Homosexualität vorzeitig in Pension geschickt wurde, deckte er 1984 auf, dass die Informanten des Verteidigungsministers sich geirrt hatten. Beim Gladbecker Geiseldrama setzte er sich vier Jahre später in das Auto der Gangster und lotste sie aus der Kölner City heraus. Und er war Chefredakteur der «Bild»-Zeitung, als diese im Jahr 2000 fälschlich berichtete, im sächsischen Sebnitz sei ein Kind von Neonazis ertränkt worden. Röbel ist einer von 29 überwiegend prominenten Menschen, die sich von Studenten der Hamburger Universität über ihre Erfahrungen mit Skandalen und ihre Meinungen über Skandale befragen ließen.

Das Ergebnis ist das Buch «Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung». Die 29 Wortlaut-Interviews rufen bekannte Skandale wieder in Erinnerung und lassen einige in anderem Licht erscheinen. Für Röbel war Gladbeck «der Super-GAU fast aller deutschen Medien und damit selbstverständlich auch meiner». Er berichtet, wie er in der Menschenmenge um das Entführerauto vom Beobachter zum Akteur wurde und wie er dann in der Öffentlichkeit erst der «Big Shot, der größte Reporter von allen» war und «von einem Tag auf den anderen zum Buhmann, zum großen Gefühlskalten» wurde.

Wie die Medien bei einem Skandal einem Rechtsanwalt gegen den Justizapparat helfen können, erzählt Wolfgang Kubicki (56). Der Anwalt und FDP-Politiker vertrat in der VW-Korruptionsaffäre den früheren Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer vor Gericht. Einige der Vorwürfe gegen seinen Mandanten konnte er dank seiner guten Kontakte zur Presse entkräften.

Er habe sich damals «ganz genau überlegt, ob ich mithilfe der Presse für meinen Mandanten nützliche Informationen bekomme. Und was ich preisgeben muss, damit jemand recherchiert und mir die Ergebnisse zur Verfügung stellt. Das war der Deal mit fast allen großen Blättern.» Kubickis Rat für alle, die in einem Skandal «von den Medien gejagt werden»: «sich hinsetzen und vor möglichst vielen Leuten auspacken. Es dürfen keine Fragen offenbleiben. Wenn es keine Neuigkeiten mehr gibt, hat sich die Sache nach zwei, drei Tagen erledigt. Die Öffentlichkeit vergisst schnell.»

Die Hamburger Journalistik-Studenten haben in ihren Interviews die unterschiedlichsten Aspekte von Skandalen thematisiert. Der Soziologe Ulrich Beck spricht von dem Paradox, dass die Medien bei Katastrophen «erst einmal die Betroffenheit ihres Publikums ins Zentrum rücken und nicht die Betroffenheit der eigentlich Betroffenen». Das Entführungsopfer Natascha Kampusch berichtet vom erfolgreichen Schutz der eigenen Intimsphäre. «Hitler-Tagebuch»-Entdecker Gerd Heidemann gibt seine Version von dem Fälschungsskandal zu Protokoll. Weitere Gesprächspartner sind unter anderem der frühere «Spiegel»- Chefredakteur Erich Böhme, Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock, Medien- Anwalt Matthias Prinz und der Enthüllungsautor Günter Wallraff.

Klaus Koch, dpa
23.02.2009

 
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Das Buch:

Jens Bergmann, Bernhard Pörksen (Hg.):
Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung

Bild: Buchcover Jens Bergmann / Bernhard Pörksen (Hg.), Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung

Köln: Herbert von Halem Verlag 2009
352 S., € 18,00
ISBN: 978-3-938-25847-7

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