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«Was zu tun ist»: Wie Thomas Friedman den Planeten retten will

Wahrscheinlich war die Welt nicht einmal in Zeiten atomarer Hochrüstung in so großer Gefahr wie heute. Der Energiehunger der rapide wachsenden Weltbevölkerung - vor allem in den aufstrebenden Industrienationen wie China und Indien - verschärft die Bedrohung durch Klimawandel und Ressourcenknappheit dramatisch. Die Welt erlebt einen kritischen Moment, schreibt der mehrfache Pulitzer-Preisträger Thomas L. Friedman. Und doch hat er neben der schlechten auch eine gute Nachricht zu verkünden: Die Erde steht am Abgrund - aber wir können sie retten.

Letztlich ist es dieser ansteckende Optimismus des weltweit angesehenen «New York Times»-Kolumnisten, der sein Buch «Was zu tun ist» zu einem Werk von epochaler Weitsicht werden lässt. Amerika hat zwar vieles versäumt beim Klimaschutz, Amerika hat mit seinem ungehemmten Energieverbrauch ein global verheerendes Beispiel gegeben - aber Amerika kann den Planeten retten, lautet sein Credo.

Unter der Parole «Code Green» - Warnstufe Grün - beschwört er die große amerikanische Tugend, sich immer wieder neu zu erfinden. Die Kühnheit der Forscher, die Risikobereitschaft der Kapitalisten, den Innovationsgeist der Garagentüftler: Grün muss in den USA zur Farbe der nationalen Erneuerung werden. Hier erweist sich Friedman - der die Energiesünden der Amerikaner in ätzender Schärfe geißelt - als großer Patriot mit einem tiefen Glauben an den Markt: den Markt für saubere Energie.

Nur der Markt, so Friedmann, kann die Innovationskräfte entfesseln, die für eine globale Energiewende notwendig sind. Und nur dieser Markt wird Amerika den Spitzenplatz in der Weltwirtschaft erhalten: Länder, die saubere Formen der Energiegewinnung erfinden und am effektivsten nutzen, werden in der zukünftigen Weltwirtschaft eine beherrschende Stellung einnehmen.

Doch Friedman ist kein blauäugiger Optimist. Mit großer Klarheit zeigt er, dass die Welt eine äußerst kritische Phase erlebt, in der eine historische Energiewende notwendig und möglich ist, aber zugleich einer historischen globalen Anstrengung bedarf.

Bis zum Jahr 2050, so die Prognosen, steigt die Weltbevölkerung von 6,7 auf mehr als 9 Milliarden Menschen an. Und mit den steigenden Einkommen in den Milliardenstaaten China und Indien potenzieren sich die Möglichkeiten, Geld in den klimaschädlichen Verbrauch von Energie investieren - übrigens ganz so, wie Amerika es einst vorgemacht hat:An einem einzigen heißen Wochenende im Sommer 2006 verkaufte ein Kaufhaus in der südchinesischen Stadt Shenzen 1100 energiefressende Klimaanlagen - an Menschen, die endlich an den Annehmlichkeiten des Wohlstands teilhaben wollen.

Hinzu kommen die Nebenwirkungen des ungebremsten Energieverbrauchs. Die Nachfrage nach Erdöl stärkt «Petrodiktaturen» wie Saudi-Arabien. «Wenn der Ölpreis steigt, sinken die Chancen der Freiheit», schreibt Friedman - und versäumt nicht, auch Russland zu erwähnen, das die Energieabhängigkeit der Europäer immer aggressiver ausnützt.

Außerdem: Mit ihren Öleinnahmen finanzieren die Saudis auch die Verbreitung der islamischen Lehre - so, wie sie von ihren konservativen Hardlinern verstanden wird. Was zu einer bedrohlichen Kräfteverschiebung in der muslimischen Welt führt: Der rückwärtsgewandte «Wüstenislam» wahhabitischer Lesart gewinnt zunehmend die Oberhand über den moderneren städtischen Islam ägyptischer Prägung, warnt Friedman.

So ist Friedmans Geschichte der westlichen Erdölabhängigkeit auch eine Geschichte der verpassten Chancen. Weder George W. Bush noch sein Vater haben etwas zur Verringerung des amerikanischen Erdölverbrauchs unternommen, auch der Marktliberalismus von Ronald Reagan hat es versäumt, die Industrie zum Energiesparen zu zwingen. Eine bittere Ironie der Geschichte: Bushs Weigerung, nach den Anschlägen des 11. September 2001 Maßnahmen zur Verringerung des amerikanischen Mineralölverbrauchs zu ergreifen, war letztlich eine Politik, «die keinen Mullah im Stich lässt» - mit den Ölkäufen finanzieren die USA die Armee ihrer Feinde.

Wolfgang Janisch, dpa
26.01.2009

 
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Das Buch:

Thomas L. Friedman:
Was zu tun ist. Eine Agenda für das 21. Jahrhundert

Bild: Buchcover Thomas L. Friedman, Was zu tun ist. Eine Agenda für das 21. Jahrhundert

Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlang 2009
542 S., € 24,80
ISBN: 978-3-518-42058-4

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