Medien & Gesellschaft

«Zweiter Tod»: Michael Buback fahndet nach dem Mörder seines Vaters

Michael Buback macht es niemandem leicht: nicht seinen Lesern, die er mit einer suggestiven Mischung aus berechtigten Zweifeln und unwahrscheinlichen Schlüssen konfrontiert. Nicht der Bundesanwaltschaft, die er seit anderthalb Jahren mit seinen Recherchen unter Druck setzt. Und nicht sich selbst: Seit anderthalb Jahren quält sich der Göttinger Chemie-Professor mit der öffentlichen Aufarbeitung eines Lebenstraumas - er fahndet nach dem Mörder seines Vaters.

Die These, die er unter dem anklagenden Titel «Der zweite Tod meines Vaters» auf 362 Seiten zu untermauern versucht, lautet: Die wahren Mörder, die den damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback und dessen beide Begleiter im April 1977 in Karlsruhe erschossen haben, sind womöglich nie für die Tat bestraft worden.

Verurteilt wurden damals Christian Klar und Knut Folkerts sowie - als Drahtzieherin - Brigitte Mohnhaupt. Zudem galt Günter Sonnenberg als Teil des ausführenden Trios, wurde aber - weil bereits verurteilt- wegen einer schweren Verletzung nicht mehr angeklagt. Buback präsentiert dagegen zwei weitere Verdächtige: Stefan Wisniewski und - seine Hauptverdächtige - Verena Becker.

Die Fakten, die der beharrliche Grundlagenforscher aufzählt, sind durchaus geeignet, seine Zweifel zu untermauern. Er stützt sich auf eine ganze Reihe von Indizien, vor allem auf Zeugenaussagen, wonach der Todesschütze auf dem Tat-Motorrad eine eher zierliche Person gewesen sei - womöglich eine Frau. Die zierliche Verena Becker war einen Monat nach der Tat gemeinsam mit Sonnenberg festgenommen worden. Mit der Tatwaffe im Gepäck.

Immerhin ermittelt die Bundesanwaltschaft inzwischen sowohl gegen Becker als auch gegen Wisniewski. Wenngleich mit dem Ergebnis, dass Verena Becker vor einigen Monaten durch die Auswertung diverser DNA- Mischspuren von dem Verdacht weitgehend entlastet wurde.

In die Nähe der Verschwörungstheorie gerät Bubacks Buch allerdings, wenn er den Ermittlern gezielte Vertuschung von Beckers Tatbeteiligung vorwirft. Es habe «von Seiten der Justiz schonende und schützende Eingriffe zugunsten von Frau Becker gegeben», hält er der Behörde vor, der einst sein Vater vorstand.

Ein ungeheuerlicher Vorwurf, den Buback mit akribischer Kleinarbeit an angeblich verfälschten Spurenakten und falsch bewerteten Indizien zu begründen versucht. Nur: Ein wirkliches Motiv, warum staatliche Behörden ausgerechnet ein Mitglied der RAF - damals der Staatsfeind Nummer eins - verschont haben könnten, kann er nicht liefern.

Plausibler ist dagegen eine andere Deutung: Die Bundesanwaltschaft stand im «Deutschen Herbst» 1977 unter Druck, der neue Chefermittler Kurt Rebmann wollte rasche Erfolge liefern. Deshalb lag es nahe, Becker - die bei ihrer Festnahme in Singen wild um sich geschossen hatte - zügig wegen dieser klar nachweisbaren Mordversuche hinter Gitter zu bringen. So kam es dann auch, Ende 1977 war Becker verurteilt.

Das wird damals durchaus dem Empfinden der traumatisierten Bevölkerung entsprochen haben, nach dem Motto: Hauptsache, die Terroristen sind hinter Schloss und Riegel, egal, wofür. Die Motivation, sich auf eine dünne Anklage wegen Beckers möglicher Beteiligung an der Ermordung Bubacks einzulassen und von der Verteidigung vorgeführt zu werden, dürfte bei den Bundesanwälten gering gewesen sein - das Desaster des Stammheim-Prozesses war noch in bester Erinnerung.

Mögliche Lücken in der Aufklärung der RAF-Morde dürften also eher dem Pragmatismus der Ermittler als einer ominösen Vertuschungsaktion geschuldet sein. Allerdings nimmt dies den Angehörigen der Opfer nicht das Recht, auch drei Jahrzehnte später nach der Wahrheit zu fragen. Denn die Wahrheit ist die Schwester der Gerechtigkeit: Dass sie selbst bei den scheinbar aufgeklärten RAF-Attentaten offenbar noch immer nicht vollständig auf dem Tisch liegt, ist eine offene Wunde des Rechtsstaats.

Wolfgang Janisch, dpa
01.12.2008

 
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Das Buch:

Michael Buback:
Der zweite Tod meines Vaters

Bild: Buchcover Michael Buback, Der zweite Tod meines Vaters

München: Droemer Verlag 2008
362 S., € 19,95
ISBN: 978-3-426-27489-7

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