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«Nach Irak und Afghanistan» - Der Nahe Osten nach dem Abzug der USA

Bald werden die amerikanischen Truppen aus dem Nahen Osten abrücken. Nicht während der Amtszeit von Präsident George W. Bush, aber danach. «Das ist so sicher, wie die Sonne im Westen untergeht», behauptet der kanadische Autor und Journalist Gwynne Dyer. In seinem Buch «Nach Irak und Afghanistan - Was kommt, wenn die westlichen Truppen gehen?» beleuchtet er zahlreiche Faktoren, die die Zukunft der Region beeinflussen könnten. Eine eindeutige Antwort auf die Frage im Titel liefert er nicht, dafür aber eine Fülle an freimütigen Ansichten und provokanten Thesen.

Sobald sich die USA - so Dyer - ihre Unfähigkeit eingestanden haben, Ländern wie Irak und Afghanistan ihren Willen zu diktieren, werden sie ihre Soldaten abziehen. Dann möge es eine Islamische Republik von Arabien geben oder ein unabhängiges Kurdistan, es werde wahrscheinlich Blut fließen und zweifellos chaotisch werden.Unternehmen solle der Westen dagegen aber nichts. «Er sollte einfach zurücktreten und es geschehen lassen.» Denn der Schaden, den er durch jahrelange Bevormundung angerichtet hat, sei schon groß genug.

Viele Regime konnten sich nur deshalb so lange an der Macht halten, weil die USA sie unterstützten. Dabei hätte der Nahe Osten einen - wie auch immer gearteten - Wandel verzweifelt nötig.«Stattdessen machte die amerikanische Regierung, indem sie sich zum entscheidenden Pfeiler des Status quo in der arabischen Welt erklärte, Amerikaner zu Zielscheiben terroristischer Angriffe.»

Die Terroristen wollen jedoch nicht die amerikanische Lebensart zerstören, sondern die USA lediglich aus dem Nahen Osten vertreiben.Es ist laut Dyer «blanker Unsinn», dass die Sicherheit der einzigen Supermacht vom Ausgang der Schlacht auf den Straßen Bagdads abhänge.Auch die Taliban-Kämpfer in Afghanistan werden schließlich mit den anderen ethnischen Gruppen des Landes ihren Platz in der Regierung aushandeln und «der übrigen Welt wahrscheinlich wenig Ärger machen».Ebenso gehöre die Vorstellung, iranische Atomwaffen bedrohten den arabischen Raum, «eindeutig ins Reich der Fantasie». Die wahre Herausforderung des amerikanischen Machtmonopols gehe stattdessen von China aus.

Man merkt dem Text an, dass sein Autor eine militärische Laufbahn hinter sich hat. Dyer promovierte in London über Militärgeschichte und die Geschichte des Nahen Ostens, diente selbst in drei Marinen und lehrte an der britischen Elite-Militärakademie Sandhurst. Seit den 70er Jahren arbeitet er als freier Journalist für Zeitungen, Radio und Fernsehsender.

In seinem jüngsten Buch lässt er zahlreiche Strategen und Politiker zu Wort kommen. Den Menschen, die deren militärische Schachzüge schließlich zu spüren bekommen, leiht er jedoch keine Stimme. Deshalb lesen sich seine Analysen - wenn auch keck formuliert- gelegentlich etwas sperrig. Seiner zentralen Aussage lässt sich stellenweise schwer folgen, weil er die vielen Details über die Krisenherde der Region nicht konsequent zusammenführt. Auch eine Erklärung, wie die nostalgisch wirkende Schlussbemerkung über den «überwiegend gutartigen Einfluss» der USA im 20. Jahrhundert zum Tenor des restlichen Buches passt, bleibt der Militärhistoriker seinen Lesern schuldig.

Heike Sonnberger, dpa
06.10.2008

 
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Das Buch:

Gwynne Dyer: Nach Irak und Afghanistan - Was kommt, wenn die westlichen Truppen gehen?
Aus dem Englischen Andreas Simon dos Santos

Bild: Buchcover Gwynne Dyer, Nach Irak und Afghanistan

Frankfurt am Main: Campus Verlag
241 S., € 19,90
ISBN: 978-3-593-38705-5

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