Medien & Gesellschaft

Stumme Gewalt: Carolin Emckes Suche nach einem Dialog mit der RAF

Dieses Buch ist ein einziger Schrei nach Aufklärung. «Stumme Gewalt» hat die Journalistin Carolin Emcke ihr jüngstes Buch genannt, das zum Dialog mit den Tätern der Roten Armee Fraktion (RAF) aufruft. Sie hat nicht nur ein journalistisches Interesse daran, sondern auch ein sehr persönliches. Denn eins der RAF-Opfer war Alfred Herrhausen, als enger Freund ihrer Familie eine Art Patenonkel. Als Vorstandssprecher der Deutschen Bank stand er im Visier der RAF. Emcke war 22 Jahre alt, als ihn eine Bombe tötete.

Nun schrieb sie sich ihre Seelenpein vom Leibe und öffnete einen Einblick in ihr Innerstes, in dem sie ihre Fragen, Zweifel und Ängste fast 18 Jahre lang eingekerkert hatte. Es ist ein sehr persönliches Buch, das viele Fragen aufwirft und im Grunde um ein Motiv kreist, das sie schon in ihrem Erstlingswerk «Von den Kriegen» aufgegriffen hatte: der Ohnmacht der Opfer, die qualvoll nach Antworten suchen.

Sie beklagt die Unfähigkeit der Terroristen zur Kommunikation.«Das ist das Gewalttätigste an der Gewalt des Terrors: die Sprachlosigkeit», schreibt sie und betont: «Bis heute ist es das, was ich unverzeihlich finde: das Schweigen.» Ihre Erinnerung an den Anschlag vom 30. November 1989 verwebt sie mit einer Forderung nach einem Forum «Freiheit für Aufklärung». Die Idee der Wahrheitskommission, die nach dem Apartheid-Ende in Südafrika unter Leitung von Erzbischof Desmond Tutu Täter und Opfer zusammenbrachte. Die Formel lautete Amnestie im Tausch für öffentliche Geständnisse.

Das Gespräch zwischen Tätern, Opfern und Ermittlern soll die Mauer des Schweigens einstürzen lassen, die vielfach die Erinnerung belastet. Auch Emcke deutet an, dass ihr Dasein bis heute vom Erlebten überschattet ist. Doch das Buch ist nicht nur kritische Selbstbefragung, sondern macht sich stark für eine andere Form des Nachdenkens über die Geschichte der RAF.

Sie ist sich bewusst, dass sie andere verstören und irritieren könnte. Aber sie ist sich auch sicher: «Es gibt, wenn überhaupt, nur die Wahl zwischen Aufklärung und Verschleierung, zwischen trauerndem Wissen und melancholischem Nicht-Wissen, zwischen radikaler Öffentlichkeit oder geduldetem Schweigen.» Im Nachsatz betont sie daher: «Wir müssen aufhören anzuklagen, um endlich klagen zu können.»

Ralf E. Krüger, dpa
09.06.2008

 
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Das Buch:

Carolin Emcke:
Stumme Gewalt - Nachdenken über die RAF

Bild: Buchcover Carolin Emcke, Stumme Gewalt - Nachdenken über die RAF

Frankfurt am Main: Verlag S. Fischer 2008
189 S., € 16,90
ISBN: 978-3-10-017017-0

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