Medien & Gesellschaft

"Eine furiose Streitschrift wider die Religion"

Richard Dawkins ist Evolutionsbiologe mit eigenem Lehrstuhl an der Universität Oxford. Sein erster Weltbestseller "Das egoistische Gen", erschien 1978 auf Deutsch, gilt als Standardwerk der Evolutionsbiologie. Er ist Atheist, ein mutiger  und streitbarer Atheist, der in seinem neuesten Buch "Der Gotteswahn" mit grundlegenden Legenden und Märchen aufräumt, die sich um jede Art von Religion ranken.

Er schreibt gleich zu Anfang: "Wenn dieses Buch die von mir beabsichtigte Wirkung hat, werden Leser, die es als religiöse Menschen zur Hand genommen haben, es als Atheisten wieder zuschlagen." Wobei damit zu rechnen sei, dass Gläubige,  sicherlich innerlich die "Warnung" aufgebaut haben,  "man solle ein Buch wie dieses überhaupt nicht aufschlagen, denn es sei mit Sicherheit ein Werk des Teufels."

Mit ernsthafter und ernst zu nehmender Haltung untersucht Dawkins  "Heilige Bücher" wie Bibel oder Koran, setzt sich mit tiefgreifenden und platten theologischen Argumenten auseinander und führt den Leser allmählich zur einzigen logischen und wissenschaftlich vertretbaren Wahrscheinlichkeit, dass es keinen Gott oder Götter geben kann und es letztlich unsinnig ist, Religion weiter anzuhängen.

Er macht Religion als eine Geißel der Völker aus, die mehr als jede andere Ursache zu Terror, Kriegen, Grausamkeiten oder Verfolgung und Mord an Andersdenkenden verführt hat und weiter verführt. Die Zerstörung des World-Trade-Center am 11. September 2001 durch Islamisten, aber auch die Ermordung von Klinikpersonal in Abtreibungskliniken der USA durch christliche Fanatiker sind hier nur die Spitze des Eisbergs.

Er belegt, dass die menschliche Entwicklung, wie alles andere Leben auf der Erde, durch natürliche Selektion, durch die Evolution,  beeinflusst und nicht durch einen "Schöpfer" geschaffen wurde, dass Moral ohne Religion und Trost ohne einen "Tröster" möglich ist.

Richard Dawkins fragt nach, untersucht, setzt sich auseinander. Er tut das gründlich, aber auch mit einer gehörigen Portion Humor. Er setzt sich Gegenargumenten jeglicher Couleur aus und belässt es nicht bei biologischen Erklärungsmustern, sondern antwortet so, wie es ihm passend erscheint: mal philosophisch, mal wissenschaftlich logisch, mal mit sarkastischem oder auch herablassendem Humor angesichts dummer, religiöser Polemik. Den kann er sich manchmal nicht verkneifen.

Wie bei einem Schachspiel holt er  taktisch klug religiöse Denkmuster vom Brett. Wobei er gleich im ersten Teil "die Königin" (Gott) besiegt. Bis zum "Schachmatt" des Königs (Religion) folgt er einem inneren roten Faden, mit dem er zuerst den stärksten Gegner (Moral) und ganz zum Schluss den schwächsten (Gott als Tröster) ausschaltet. Wie nebenbei folgt der Leser so seiner logischen pädagogischen Treppe über sämtliche religiösen Mauern hinweg. Wichtige Zusammenhänge werden einfach erklärt. Dadurch ist Dawkins Werk leicht lesbar, macht sogar Spaß, auch wenn zwischendurch Passagen kreuzen, die zum besseren Verständnis mehrfach gelesen werden wollen."

"Kindesmissbrauch" als Schlüssel

Dawkins weiß, dass Kindererziehung der Schlüssel zum späteren Glauben ist. Kinder sind in allen Religionen begehrte Objekte der Glaubensdogmen. Sie werden getauft, indoktriniert und verführt - im Namen von Religionen, die für sich in Anspruch nehmen, die einzig Seelig machenden zu sein. Über Ihre Köpfe hinweg wird entschieden, was "das Beste" für sie sei. Sie werden zum "kindlichen Glauben" erzogen, den sie dann auch als Erwachsene ungeprüft stehen lassen sollen. Diese allgemeine, angeblich harmlose religiöse Erziehung, befindet Dawkins, ist "Kindesmissbrauch" und öffnet dem extremen Fundamentalismus erst Tür und Tor, bereitet diesen geradezu vor.

Welche Lücke würde entstehen, wenn wir ein Denken und Leben ohne Religion zulassen würden, so wie es Richard Dawkins empfiehlt? Würde eine Lücke entstehen, weil wir, erwachsen geworden,  keinen Gott mehr nötig hätten, dem wir kindlich unsere Sorgen überlassen, uns anvertrauen könnten? Wären unser Leben und das anderer Menschen für uns nicht viel wertvoller, wenn es nur dieses und keines nach dem Tod gäbe?

Dawkins führt durch sämtliche Irrungen und Wirrungen religiöser Denke und offenbart Religion als die "Schmusedecke des Unwissens". Präzise, stringent, mit schlüssiger Logik beweist er, dass unsere Welt ohne Religion viel besser dran wäre und macht Mut, den Weg der Vernunft einzuschlagen. Jeder Leser steht am Ende des Buches vor der freien Entscheidung für oder gegen Religion.

Angela Lorenz-Ridderbecks
25.03.2008

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Richard Dawkins:
Der Gotteswahn

Bild: Buchcover Richard Dawkins, Der Gotteswahn

Berlin: Ullstein Buchverlage GmbH
575 S., € 22,90
ISBN 978-3-550-08688-5

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.