Medien & Gesellschaft

Der Mann, der ging und für 27 Jahre in den Wäldern verschwand

Am 3. April 2013 machte der Polizist Terry Hughes den Fang seines Lebens. Dank peu à peu perfektionierter Überwachungsmethoden konnte er im Pine Tree Camp Christopher Knight dingfest machen. Auf das Konto des 47-jährigen Mannes gingen mehr als 1.000 Einbrüche in Ferienwohnungen oder Anlagen im US-Bundesstaat Maine. Doch nicht diese außergewöhnliche Anzahl an ungestraften Einbrüchen war das Besondere an dieser Festnahme, sondern der Umstand, dass Christopher Knight der langgesuchte "Eremit vom Lake Pond" war. Sage und schreibe 27 Jahre lang hatte Knight ohne Kontakt zur Zivilisation in den Wäldern Maines gelebt. Auf seinen regelmäßigen Beutezügen hatte er sich das besorgt, was er zum Leben in seiner selbstgewählten Abgeschiedenheit benötigte: Lebensmittel, Kleidungsstücke, Batterien, Bücher, Zeitschriften und hin und wieder auch mal den einen oder anderen Dollarschein - für den Fall der Fälle.

Vor gut vier Jahren machte die Geschichte des Christopher Knight ihre Runde durch die Medien auf dem gesamten Erdball. Schließlich kennt die Menschheit keine längere freiwillige Abgeschiedenheit als die des Mannes, der sich im Alter von 20 Jahren in sein Auto setzte, dieses irgendwann am Wegesrand parkte und in den Wäldern verschwand. In dieser ganzen Zeit ergab es sich lediglich einmal, dass Knight ein Wort zu einem anderen Menschen sprach: "Hi" zu einem zufällig und plötzlich auftauchenden Wanderer. Allzu verständlich ist, dass bei Knight das Gefühl für Jahre, Monate und Tage verschüttet ging und für ihn stattdessen Mondphasen und Jahreszeiten überlebenswichtig wurden. So antwortete er nach seiner Festnahme auf die Frage, wann er denn in den Wald gegangen sei, mit der Gegenfrage, in welchem Jahr Tschernobyl gewesen sei.

Das Mysterium Christopher Knight ist natürlich ein gefundenes Fressen für Journalisten, da jedem Menschen sofort ganz viele Fragen in den Kopf kommen, auf die man unbedingt Antworten wissen möchte: Was war der Antrieb abzuhauen, was der Antrieb, so lange zu bleiben? Wie überstand er die kalten Winter? Gab es Momente des Umdenkens? Wie gestaltete er seinen Alltag? Wie konnte er so viele Raubzüge unternehmen, ohne entdeckt zu werden? Michael Finkel, seines Zeichens langjähriger Journalist für so bekannte Magazine wie National Geographic, war sofort Feuer und Flamme für die Geschichte Knights. Ihm war natürlich klar, dass die Kontaktaufnahme sehr behutsam anzugehen war. Mit viel Raffinesse und Einfühlungsvermögen war es ihm dann schließlich gelungen, Vertrauen und eine Beziehung zu Knight aufzubauen. Insgesamt neunmal war es Finkel vergönnt, Christopher Knight während dessen Zeit im Gefängnis zu besuchen und interviewen zu dürfen.

Auf Basis dieser Gespräche und paralleler schriftlicher Korrespondenz mit dem Eremiten hat Michael Finkel das vorliegende Buch "Der Ruf der Stille" geschrieben. Beginnend mit der Ergreifung Knights im Frühjahr 2013 führt er die Entstehungsgeschichte dieses unglaublichen Eremitendaseins aus. Aufgrund der doch recht limitierten Quellenlage aus erster Hand hat Finkel natürlich mit früheren Wegbegleitern Knights oder auch mit Opfern von dessen Raubzügen gesprochen. Einige davon hatten, um weitere Einbrüche zu vermeiden, sogar damit begonnen, Lebensmittel und Bücher in Taschen an die Eingangstür ihrer Ferienhäuser zu hängen. Dabei hatte Knight nur wenige Gehminuten von der Zivilisation entfernt sein Lager errichtet, verborgen hinter dichtem Gestrüpp und einigen Findlingen war er so erfinderisch gewesen, eine perfekte Unterkunft zu errichten, in denen er eiskalte Winter, Eisstürme und übelste Mückenplagen überleben konnte.

Die Schilderung der Erlebnisse von Knights 27-jähriger Auszeit von der Zivilisation durchsetzt der Autor mit einigen Kapiteln zu verschiedenen Begleitaspekten. So finden sich in "Der Ruf der Stille" ein Abriss zu anderen historischen Eremiten, eine Kategorisierung der verschiedenen Arten von Eremiten und vor allem eine spannende psychologische Betrachtung dieses Phänomens. Am Ende wird klar, dass Knight vor allem ein Flüchtling vor der Gattung Mensch war und sich in kein bekanntes Schema hineinpressen lässt. Das vorliegende, 250 Seiten umfassende Buch lässt sich dank großzügiger Zeilenabstände und Schriftgröße rasch lesen, auch weil man als Leser begierig ist, die bekannten Fakten dieses Falles aufzusaugen und die Frage beantwortet zu bekommen, ob es Christopher Knight denn gelungen ist, nach seiner Gefängniszeit wieder in der Zivilisation Fuß zu fassen.

Christoph Mahnel
16.10.2017

 
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Das Buch:

Michael Finkel:
Der Ruf der Stille - Die Geschichte eines Mannes, der 27 Jahre in den Wäldern verschwand. Aus dem Amerikanischen von Joannis Stefanidis

Bild: Buchcover Michael Finkel, Der Ruf der Stille

München: Goldmann Verlag 2017
256 S., € 18,00
ISBN: 978-3-442-31468-3

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