Biographie

Liebesfreud und Lebensglück

"Berliner Leben" von Conrad zur Broche ist dem Leben von Gertrud Pust, geborene Grund, gewidmet, die von 1900 bis 1986 in Berlin lebte. Im ersten Abschnitt lässt der Autor die Lyrik der jungen Frau lebendig werden, Gedichte, die sie 1919, ein Jahr vor der Hochzeit mit Carl Pust, geschrieben hat. Es sind Verse voller Liebe und Sehnsucht, romantisch und verträumt, denen auch Gedichte anderer Dichter wie zum Beispiel von Leon Vandersee, Johanna Ambrosius und Anni Sachse beigefügt sind. Oft sprechen aus ihnen Glück und Abschiedsschmerz und das verzweifelte Warten auf den Geliebten, vor allem aber die Liebe zueinander.

Das Leben der Eheleute Pust war geprägt durch die schwere Zeit der Inflation, und die Schrecknisse des Zweiten Weltkrieges. Wie aus der Biographie von Gertrud Pust im zweiten Abschnitt des Buches zu erfahren ist, hatte Carl Pust bereits als junger Mann ein schweres Schicksal zu erleiden, denn nach einem tragischen Arbeitsunfall 1920 wurde ihm ein Bein amputiert. 1924 wurde er Geschäftsführer der Firma "Max Wollstein", einer Druckerei mit Stahlstichprägung. 1939 versteckten die Pusts den jüdischen Besitzer dieser Druckerei und ermöglichten so seine Flucht. Carl Pust übernahm dessen Druckerei. 1945 musste diese nach einem Brand und wegen Materialmangel geschlossen werden.

Nachdem Max Wollstein 1947 aus der englischen Emigration zurückkehrt, wagen beide Geschäftsleute einen Neuanfang in West-Berlin. 1962 stirbt Carl Pust. Seine Ehefrau überlebt ihn viele Jahre und stirbt 1986 in Berlin-Charlottenburg. Gertrud Pust hat sich aufopferungsvoll um die Familie gekümmert, war Freunden und Bekannten gegenüber immer aufgeschlossen und sehr auf eine gute Erziehung der 1926 geborenen Tochter Ingeborg bedacht.

Die Anekdoten im dritten Abschnitt von "Berliner Leben" geben Aufschluss über des Wesen dieser außergewöhnlichen Frau und ihre besonderen Vorlieben. Sie hatte einen großen Obst- und Gemüsegarten mit einem prachtvollen Birnbaum und liebte Blumen. Conrad zur Broche verrät auch einige ihrer Koch- und Backkünste, mit denen sie immer wieder alle Gäste begeisterte, die sie gerne bewirtete.

Vorher galt es aber die schwere Zeit der Inflation zu überstehen, in der auch diese Berliner Familie zu leiden hatte. Besonders dramatisch sind auch die Schilderungen des Überlebenskampfes in Berlin in der Zeit des Zweiten Weltkrieges, denn die in Berlin-Heinersdorf lebende Familie Pust überlebte zwar die fürchterlichen Bombenangriffe auf die Stadt, aber das Wohnzimmer ihres Hauses wurde durch eine Granate zerstört. Es spricht für das Wesen von Gertrud Pust, wenn sie sich gleich auf den Weg machte, um in der Nachbarschaft zu helfen und nach ihrer Freundin zu sehen, denn die meisten Bewohner hatte es weitaus schlimmer getroffen.

Oft sagten ihre Bekannten, dass sie besonders viel Glück in ihrem Leben gehabt habe, und das fand sich auch oft bestätigt. Der ganz schlimme Kelch ging an ihr vorüber, und trotzdem bedarf es eines starken Charakters, allen Widrigkeiten zu trotzen, denn wie ihre Verse zeigen, war sie eine sehr feinfühlige Frau. Somit sind die drei Abschnitte dieses Buch als Einheit zu verstehen. Sie ergänzen sich und bieten nur in ihrer Gesamtheit ein umfassendes Verständnis der Person Gertrud Pust.

Dr. Helga Miesch 
25.11.2013

 
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Das Buch:

Conrad zur Broche:
Berliner Leben - Lyrik, Prosa und Katastrophen von 1900-1986

Bild: Buchcover Conrad zur Broche, Berliner Leben

Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag 2013
178 S., € 14,80
ISBN: 978-3-8372-1288-4

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