Biographie

Verführung durch Verweigerung

"Dieser zumeist unfromme Heilige verkörpert sich in unterschiedlichen Gestalten". Vielleicht ein bisschen zuviel Festlegung und Feststellung in einem einzigen Satz? Vielleicht! Wäre der Satz nicht auf den 1941 geborenen Robert Allan Zimmerman gemünzt. Jenes Kind jüdischer Elektrowarenhändler aus Minnesota (USA), das den ehrenwerten Elternnamen eilig preisgab, um als Bob Dylan von Dylanologen fürs Pantheon der Menschheitsgeschichte vorgemerkt zu werden. "Was Bobby Zimmerman angeht", trichterte das kleingewachsene Genie der Welt ein, "er kam 1964 beim Bass Lake Run ums Leben. Das war sein Ende." Basta! Zwei Jahre bevor Bob Dylan tatsächlich unter die Räder kam und das dauernde Auf und Ab erst so richtig begann.

Als Mister Dylan leibhaftig in Berlin-Treptower Park auftrat (Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik), wusste er wahrscheinlich gar nicht, wo er war. Zumindest nicht beim Publikum. Mal kehrte der Sänger dem Publikum den Rücken zu. Mal sah er durch seine dunkel verglaste Brille über das Publikum hinweg. Der Punkt auf der Treptower Bühne, der Bob Sylan genannt wurde, verführte durch Verweigerung. Was gar nicht so schlecht in die DDR passte! Wenn Bob Dylan etwas überhaupt nicht zu erfüllen hatte, dann Erwartungen an Bob Dylan. Auch Gott hat keine Erwartungen zu erfüllen. Wieso dann der vergötterte Bob Dylan, dem Heinrich Detering ein klein-handliches Reclam-Buch gewidmet hat?

Geschrieben mit dem aufrichtig-ehrgeizigen Anspruch, das unabwendbare, unabgeschlossene Schicksal eines Amerikaners zu schildern, der zwischen "Selbstverlust und Selbstwerdung" stets den weitesten Ausschlag des Pendels wählt. Da Detering nicht angetreten ist, die Biographie der Person zu schreiben, hat die Musiker-Werk-Biographie der Persönlichkeit verfasst. Dem Künstler, weiß der Autor, reicht er nicht bis an's Knie und verneigt sich tief. Fern des Versuchs, den Mythos Bob Dylan zu verklären, will ihn der Verfasser erklären. Das wird den Analysten dadurch erleichtert, dass er den "roten Faden" der Schicksalsgeschichte des Außergewöhnlichen bereits bei dem Mittzwanziger ausmacht.

Der rote Faden – "das ist die Religion". Die Religion im Kalkül, kann Detering eine entsprechende Dylan-Werk-Ausdeutung ausführen, die der Laie kaum anzufechten vermag. Was stört den Schreiber der jugendliche ungestüm-ungehobelte Protest-Poet? Fast gar nicht! In der Rille Religion abgespult ist die Anders-Artig-Keit des Bob Dylan in all ihren unerwarteten, überraschenden Besonderheiten am besten zu begreifen, sofern überhaupt begreiflich. Da sich Dylan an der Dylan-Deuterei ohnehin nur distanziert beteiligt, bleibt den Dylanologen genug zum Deuten. Detering zieht eindeutig die Religionlinie vor und nach – nicht die der Religiosität – und verhindert so, seinem eingangs zitierten Satz ein Bein zu stellen. Wer will, kann sich mit Heinrich Deterings gar nicht so leicht zu lesenden Auslegungen anlegen. Oder mit Bod Dylan höchstselbst. Sofern man genug Dylan in Kopf, Herz und Seele hat. Wie Detering.

Bernd Heimberger
03.08.2007

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Heinrich Detering:
Bob Dylan

Bild: Buchcover Heinrich Detering, Bob Dylan

Ditzingen: Philipp Reclam 2007
184 S., € 4,80
ISBN: 978-3-15018-432-5

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.