Biographie

Heinrich Mann. Eine Biographie

Bars und Bohème, Liebschaften und Mesalliancen, Erfolg und Scheitern, politische Parteinahme und abenteuerliche Flucht vor den Nazi-Truppen: Das Leben Heinrich Manns (1871-1950) war um einiges abwechslungsreicher als die betont bürgerliche Existenz seines berühmteren Bruders Thomas. Doch Biografen haben dem Autor des «Untertan» und von «Professor Unrat» bisher sehr viel weniger Aufmerksamkeit geschenkt als dem Schöpfer der «Buddenbrooks». Dabei ist der eine nicht ohne den anderen zu verstehen - diese These vertritt jedenfalls Manfred Flügge in seiner so gründlichen wie angenehm lesbaren Darstellung von Heinrich Manns Leben und Werk.

Für Flügge ist Heinrich Mann der letzte Romantiker, der idealistische Gegenpart des großen Ironikers Thomas, mehr an Träumen interessiert als an der Wirklichkeit, mehr an der Ferne als an seiner unmittelbaren Umgebung. Früh tritt er in Deutschland als Mittler zur französischen Kultur auf - doch das Nachbarland erschließt er sich vor allem aus Büchern; einen Besuch dort meidet er lange. Seine Satire  «Der Untertan» wird nach dem Ersten Weltkrieg als scharfsinnige Analyse des Kaiserreichs gefeiert - doch über die Hitler-Diktatur und das Stalin-Regime leistet sich Mann groteske Fehlurteile.

Noch im Sommer 1939 glaubt er nicht an einen neuen Krieg. Da lebt er längst im südfranzösischen Exil und schließt - mittlerweile 68 - seine zweite Ehe. Bekannte und Verwandte rümpfen die Nase: Der intellektuelle Spross aus großbürgerlicher Lübecker Kaufmannsfamilie heiratet ausgerechnet eine frühere Bardame. Reihenweise arbeitet Flügge solche Widersprüche heraus, während er Mann auf seiner Entwicklung vom deutschnationalen Dandy der Jahrhundertwende zum linksliberalen Demokraten der Weltkriegszeit folgt.

So wie Thomas auf dem Umschlagbild halb angeschnitten neben Heinrich steht, so ist er auch im Buch stets präsent. Beide verbindet ein schwieriges, zwischen Zerwürfnis und Versöhnung, Eifersucht und Zuneigung pendelndes Verhältnis. Ihren erbitterten Streit über die Rolle Deutschlands im Ersten Weltkrieg tragen die Brüder öffentlich in Form von Essays aus. Der noch ganz deutschnational denkende Thomas beschimpft den vier Jahre älteren und zur Republik bekehrten Heinrich als «Zivilisationsliteraten». Später fliehen beide vor den Nazis bis nach Kalifornien - und der wohlhabende, nobelpreisgekrönte Thomas unterstützt seinen in Amerika gänzlich erfolglosen Bruder so diskret wie großzügig.

Flügge beschreibt all das flüssig und mit kluger Gliederung, zeichnet nicht nur den Lebensweg nach, sondern führt den Leser auch in die schriftstellerischen Werke ein, von denen er manche für misslungen, viele aber für zu Unrecht vergessen hält. Er wertet Quellen aus, die erst seit kurzem zugänglich sind, und weist nach, dass Heinrich in seinen letzten Jahren in wachsendem Maß Zahlungen aus Russland und Ostdeutschland erhielt. Die dortigen Machthaber wollten ihn als geistigen Repräsentanten gewinnen; so inszenierten sie mit Ehrungen und Neuauflagen einen Ruhm, der Mann in Amerika nicht vergönnt war. Am Ende war Mann bereit, in der jungen DDR die Leitung der Deutschen Akademie der Künste zu übernehmen. Doch während der Vorbereitung der Überfahrt erlag er einer Gehirnblutung.

Dass Heinrich Mann sich mit dem Kommunismus einließ, ist für Flügge Folge seiner früh angelegten Neigung, die Welt so zu sehen, wie er sie sehen wollte. Aus ihr erklärt der Biograf die politischen Irrtümer und ästhetischen Missgriffe, die bei Heinrich Mann neben Klarsicht und dichterischer Eingebung stehen. Am Ende zieht er die Bilanz eines tragischen Lebens: «Heinrich Mann hatte das Imaginäre gewählt, weil er glaubte, es führe ihn in die weite Welt, in das Hotel Zum Großen Leben. Aber er tafelte in Hinterstuben. Die Kulisse seines Lebens war grandios, seine Rolle auf dieser Bühne zuweilen grotesk.»

Wolfgang Harms, dpa
04.06.2007

 
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Das Buch:

Manfred Flügge:
Heinrich Mann. Eine Biographie

Bild: Buchcover Manfred Flügge, Heinrich Mann. Eine Biographie

Reinbeck: Rowohlt Verlag 2006
509 S., € 24,90
ISBN: 3-498-02089-7

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