Biographie

Ratzinger-Küng - Ein höchst spannendes Stück Kirchengeschichte

München (dpa) - Der vor einem Jahr zum Papst gewählte Deutsche Joseph Ratzinger und der Schweizer Hans Küng verkörperten in den vergangenen Jahrzehnten fundamentale Gegensätze und Kontroversen in der katholischen Kirche. So wurde es denn auch weltweit als Sensation empfunden, als sie bald nach dem Amtsantritt Benedikt XVI. in dessen Sommerresidenz Castel Gandolfo in «freundschaftlicher Atmosphäre» - so beide danach - ein langes Gespräch miteinander hatten. Es war das überhaupt erste Gespräch des seit 1960 in Tübingen wirkenden Theologen Küng mit einem Papst.

Ein jetzt erschienenes Buch über die Beziehungen zwischen den beiden, ihren Werdegang, ihre theologischen Positionen und ihre Persönlichkeit hat den Titel «Der mit dem Fahrrad und der mit dem Alfa kam». Der Autor, Freddy Derwahl, bezieht sich damit auf ein gern von Studenten erzähltes Detail aus der gemeinsamen Zeit Ratzingers und Küngs in Tübingen (1966-1969).

Der Autor will den Titel nicht als Abwertung Küngs verstanden wissen. Es wirkte jedoch, wie er meint, wie ein Symbol zweier theologischer Welten, wenn damals vor der Tübinger Bibliothek für Theologie und Orientalistik neben Küngs rassigem Alfa Romeo Ratzingers simples Fahrrad parkte: «Eine davonbrausende und eine beharrliche, eine mondäne und eine bescheidene, eine mit der schnellen Zeit verbündete und eine die Kunst der Langsamkeit nicht aufgebende». Studenten hätten schon einmal gemeint, es handle sich bei den beiden um eine spannende Mischung von Niki Lauda und Franz von Assisi.

Mancher mag in alle dem doch auch eine Bewertung zu Gunsten Ratzingers sehen. Aber insgesamt lässt das «Doppelporträt» Derwahls, eines in Ostbelgien ansässigen Autors, der Romane, Drehbücher und Sachbücher (darunter eines über Papst Johannes XXIII.) geschrieben hat, mit seinen vielen Fakten und Zitaten durchaus unterschiedliche Bewertungen zu.

Während des Vatikanischen Konzils 1962-1965, an dem beide als offizielle theologische Berater teilnahmen, waren ihre Positionen ähnlich. Ratzinger fühlte sich, in Übereinstimmung mit Küng, durch die Forderung Johannes XXIII. nach einem «Sprung nach vorn» bestärkt, dass die Kirche wirklich etwa Neues wagen müsse, um aus dem eingefahrenen Schulschema herauszutreten. «Die scholastische Theologie ist kein Instrument mehr, um den Glauben ins Gespräch der Zeit zu bringen», meinte Ratzinger damals. Er müsse aus diesem Panzer heraus, müsse sich in einer neuen Offenheit der Situation der Welt stellen. So müsse auch in der Kirche eine größere Freiheit entstehen. Küng sprach von einem «Wandel der Gesamtkonstellation».

Bald aber nahm Ratzinger einen einschneidenden Kurswechsel vor, der auch mitbestimmt war vom «Zeitbruch in der Folge der 68er- Revolution», wie es bei Derwahl heißt. Küng warf ihm später vor, er habe sein ureigenes Erbe vertan. Er selbst legte sich nach seiner Ernennung zum Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation 1981 über seine neuen Einschätzungen Rechenschaft ab. Dabei ist auch von «Konzilsungeist» die Rede, der zu einer «Verdünnung des Glaubens» geführt habe, und von der evangelischen Kirche, die mit ihren «Anpassungen» an den Zeitgeist nicht weitergekommen sei.

In seinen Beziehungen zu Küng standen zumindest seit seiner Kritik an dessen Infragestellung der päpstlichen Unfehlbarkeit 1970 die Zeichen auf Zwist. Einige Jahre später ging er gegen sein Buch «Christ sein» besonders scharf in die Offensive. Küng konterte, die Attacke sei ein «Schuss in den Rücken», der mit Fälschungen, Unterstellungen und Vorverurteilungen operiere. 1979 sagte Ratzinger, inzwischen Erzbischof von München-Freising, dass Küng «ganz einfach nicht mehr den Glauben der katholischen Kirche vertritt» und es eine Frage der Redlichkeit sei, festzustellen, dass er folglich «auch nicht in deren Namen sprechen kann». Küng sah darin einen «frontalen Angriff auf meine Katholizität und intellektuelle wie moralische Integrität.»

Derwahl bemerkt an einer Stelle: «Nichts hat Küng je mehr verletzt als der Versuch, ihn aus der Kirche hinauszudrängen und in die Nähe einer wie auch immer gearteten 'Ketzerei' zu rücken.» Im Dezember 1979 entzog ihm die Glaubenskongregation die Lehrbefugnis als katholischer Theologe. Ratzinger fand die Maßnahme berechtigt, bemerkte aber bei der Gelegenheit auch, Küng habe viel getan, um Sympathie bei Menschen zu schaffen, die vom Wort der Kirche nicht erreicht werden. Für ihn «sind keine Türen zugeschlagen worden.»

Zur Begegnung ein Vierteljahrhundert später in Castel Gandolfo erklärte Küng, er komme nicht, um zu bitten, zu streiten oder rehabilitiert zu werden. Allein die Tatsache, sich wieder in die Augen zu sehen, die Hand zu reichen und miteinander zu sprechen, sollte «das Ereignis» sein: ein sehr christliches Event, das in Kirche und Welt sicherlich als Zeichen der Hoffnung verstanden werden. Nach ihm wollte Küng dann nicht ausschließen, dass es zu einer Aussöhnung in der Kirche kommt. Er sagte: «Das kann man ja auch etwas der Geschichte überlassen.»

Rudolf Grimm, dpa
03.05.2006

 
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Das Buch:

Freddy Derwahl:
Der mit dem Fahrrad und der mit dem Alfa kam. Benedikt XVI. und Hans Küng - ein Doppelportrait

Bild: Buchcover Freddy Derwahl, Der mit dem Fahrrad und der mit dem Alfa kam. Benedikt XVI. und Hans Küng - ein Doppelportrait

München: Pattloch Verlag 2006
319 S., € 19,90
ISBN: 3-629-02137-9

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