Biographie

Beispiel Benn

Ein schönes Ende! Nach fast fünfhundert Seiten fragt der Verfasser einer Benn-Biographie: "Wer war Gottfried Benn?" Eine immer berechtigte Frage. Selbst für den Autor, der sich mit all seinen Fähigkeiten, mit all seinen Findigkeiten jede erdenkliche Mühe gab, jede erdenkliche Antwort zu geben. Gunnar Decker, seines Zeichens Philosoph und Publizist, weiß, daß jede Antwort eine Annäherung an eine nächstmögliche Antwort ist. Sich Gottfried Benn zu nähern bedeutet, in Distanz zu Benn zu bleiben, weil sonst überhaupt keine Annäherung möglich ist. Distanz ermöglicht Übersicht. Distanz war ein Grundprinzip der Lebensweise des Dichters und Denkers. Nähe wurde nur in der Distanz geduldet.

Deckers Annäherungsversuche mitzumachen heißt, sich vom Verfasser der Benn-Biographie hinaufheben zu lassen auf eine geistige Ebene, auf der sich nicht viele Leser bewegen. Deckers Benn-Biographie ist eine für Benn. Das bedeutet nicht, daß sie eine jubelnde Pro-Benn-Biographie ist. Ist das Buch überhaupt eine Biographie? Ist es nicht eine popularisierte Habilitationsschrift, die dann doch nicht populär genug ist? Decker ist stets bestimmter und bestimmender der analytische Wissenschaftler. Nur passagenweise führt der erzählerische Essayist die Feder. Der Autor hätte sich manchen Strich leisten können, hätte er den einen oder anderen Stichwortzettel verworfen. Hat er aber nicht und hält mit Wiederholungen auf, die der Lebenslinie nichts Wesentliches hinzufügen. Das Leben eines Literaten zu schildern, verlangt nicht, literarisch zu schreiben. Ambitionierte Ansätze gibts bei dem Publizisten.

Zuerst und weitgehends ist er publizierender Wissenschaftler und wissenschaftlicher Publizist. Die Entschiedenheit in der Annäherung an Benn ist kein Widerspruch zu der Unentschiedenheit in der Darstellung der Annäherung an Person und Poesie. Decker möchte nicht der allwissende Historiker, Psychologe, Soziologe, Mediziner, Germanist sein, um dem Benn beizukommen. Ständig muß er jedoch gleichzeitig Historiker, Psychologe, Soziologe, Mediziner, Germanist sein, um sich nicht von der Bennschen Biographie beherrschen zu lassen. Decker muß Dompteur sein. Für den Autor sind die sieben Lebensjahrzehnte des Pfarrersohnes Jahrzehnte eines Menschen, der eine "ausgesprochene Abneigung gegen Biographie und Geschichte hat". Jede Veräußerung des Eigenen wurde als verletzender Eingriff in das Geäußerte, also die Dichtung, verstanden. "Benns Biographie ist zu einem Großteil nur echt als Legende", stellt der Betrachter fest.

Ein Legenden-Schänder will der Schreiber nicht sein. Während seiner Benn-Begegnung hat er begriffen, daß Achtung für den Außergewöhnlichen Hochachtung verlangt, jedoch niemals in kniefälliger Huldigung enden kann und darf. Muß sich Decker deshalb bedeckt halten, also an die von Benn gezogene Legende-Lebenslinie? Muß er nicht! Kann er nicht! Darf er nicht! Des Biographen Pflicht war es, aufzulisten und sichtbar zu machen, was, wie, wann die echte Legende aus dem echten Leben des Gottfried Benn (1886-1956) werden ließ.

Am schnellsten faß-, erfaßbar ist Deckers Biographie, wenn am wenigsten das legendäre der Legende zu berücksichtigen ist. Wenn's unverhohlen was über den nimmersatten, nimmermüden Lüstling zu sagen gibt. Und darüber gibt's viel zu sagen. Die dauerhaft-regesten Ereignisse im sonst "ereignislosen Leben" Benns waren die geschlechtlichen Eskapaden des Eiferers. Man(n) staunt, was für eine Sirene dieser Mann, der gewiss kein Adonis war, den Frauen sein konnte. Das Glück des Gottfried Benn waren auch die Frauen nicht. Das Glück des Gottfried Benn war nicht Gottfried Benn. Das Glück des glücklosen Solisten war sein Schreiben. Das Glück waren die Gedichte. Benn über Benn: "Eigentlich ist mein privates Leben völlig undurchsichtig, eine Kontinuität aus Lücken und Verlusten, keiner könnte von mir etwas erzählen, einen Zusammenhang erblicken und schildern. Eine seltsame Parallelität zu meinem so genannten Oeuvre, das ja auch  nur aus Auf- und Niederbrüchen besteht u. keine Linie hat, die man ablesen kann."

Armer Gunnar Decker, der versuchte, die Linien von Leben und Oeuvre abzulesen, um nicht zu scheitern. Decker hat ein Gedankengebäude aus und für Gottfried Benn aufgerichtet: Hoch wie ein Wolkenkratzer, das dem passionierten Städter sicher gefallen hätte. Kein Benn-Monument, aber ein monumentales Buch-Bau-Werk. Jeder kann in dem für sich sein und sein's tun – wie's der Dichter so liebte. Der Porträtist muß den Porträtierten nicht lieben. Er muß auch nicht erschrocken sein, wenn er im Porträt des Anderen Eigenes erkennt, zu erkennen gibt, das heißt den Geist des vergangenen Jahrhunderts. Das 20. Jahrhundert ist Geist vom Geiste Gottfried Benns. Gunnars Deckers Benn-Biographie ist eine Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts. Es ist ein Bekenntnis-Buch zu dem Brüchen und Brücken – dargestellt am Beispiel Benn. Gunnar Decker hat schon vor der Niederschrift gewußt, was er Benn abringen kann. Nicht überraschend kam er daher bereits zu Beginn des Buches dazu, das Fazit zu ziehen, das die Antwort auf die Schlußfrage ist: "... er baut aus lauter Zutaten eine Welt, die nur ihm gehört und die niemand wagen wird ihm streitig zu machen. Das ist das eigentliche Wunder Benn."

Bernd Heimberger
05.04.2006

 
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Das Buch:

Gunnar Decker:
Gottfried Benn. Genie und Barbar

Bild: Buchcover Gunnar Decker, Gottfried Benn. Genie und Barbar

Berlin: Aufbau Verlag 2006
541 S., € 26,90
ISBN: 3-3510-2632-3

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