Biographie

Ein Patriot, aber kein Idiot

Sein Name sorgt uneingeschränkt für Ehrfurcht in der hiesigen Fußball-Gemeinde, denn er steht synonym für die erfolgreichste Epoche in der langen Geschichte des Bundesliga-Dinos Hamburger SV. Der Österreicher gewann als Übungsleiter mit den Hanseaten in den Achtzigern die bedeutendsten nationalen und internationalen Titel im Vereinsfußball. Ein Eintrag in die Geschichtsbücher gelang ihm und seiner Mannschaft mit dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister, dem Vorläufer der heutigen Champions League, im Jahre 1983, als Hrubesch, Kaltz, Magath und Stein die hochfavorisierten Italiener von Juventus Turin mit 1:0 besiegen konnten. Die Rede ist vom Trainer der Hamburger, dem genialen Grantler Ernst Happel.

Klaus Dermutz widmet sich dem Erfolgscoach im vorliegenden Buch, das passenderweise den Titel "Ernst Happel - Genie und Grantler" trägt. Gleich im Vorwort outet sich der Autor, ein gebürtiger Österreicher, als Fan des gebürtigen Wieners Happel und beschreibt, wie er bereits als kleiner Junge durch seinen Vater auf die Ausnahmestellung des Rapidlers aufmerksam gemacht wurde. Ein Buch über Happel zu schreiben war Dermutz schon in den Achtzigern in den Sinn gekommen, doch Realität wurde dies erst über zwei Jahrzehnte später.

Happel wurde 1925 in die erfolgreichste Periode des österreichischen Fußballs hinein geboren. Zwar konnte er das österreichische Wunderteam in den Dreißigern nur als kleiner Knirps vom Seitenrand aus beobachten, jedoch eröffnete der Zweite Weltkrieg ihm bereits früh die Möglichkeit, als junger Spieler in der ersten Mannschaft von Rapid Wien mitzuwirken. Nach Kriegsende entwickelte sich Happel neben einigen anderen bedeutenden österreichischen Ballkünstlern zu einem Ausnahmespieler, so dass er schließlich von der International Federation of Football History & Statistics als einer der 100 bedeutendsten Spieler des 20. Jahrhunderts geführt wird. Der große Erfolg im Nationaldress blieb ihm allerdings genauso wie den Ungarn verwehrt, scheiterten die beiden hochfavorisierten Teams bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 doch nacheinander an Fritz Walters Mannen.

Happels Leben war geprägt von Anekdoten, Aussagen und Begebenheiten, die dergestalt im heutigen uniformierten Fußball schlichtweg unmöglich sind. Dermutz nimmt dabei jede Gelegenheit wahr, den besonderen Charakter des Ernst Happel mit solchen Geschichten zu untermauern, sei es ein absichtliches Eigentor, um den eigenen Keeper bloßzustellen, oder sei es ein Interview im österreichischen Fernsehen, als Happel gefragt wurde, ob er den im Niedergang befindlichen österreichischen Fußball als Nationaltrainer wieder zurück auf die Erfolgsspur führen möchte, und dieser darauf antwortete, dass er zwar Patriot sei, aber kein Idiot.

Happels Vita kennt den Spieler, der sich bereits für ein kurzes Intermezzo in Paris erstmals auf Wanderschaft begab, ansonsten jedoch nur im grün-weißen Trikot von Rapid auflief, und vor allem den Trainer, der über dreißig Jahre lang in fünf europäischen Ländern erfolgreich coachte. Er machte aus No-Name-Teams Erfolgsmannschaften, wie zu Beginn der Siebziger, als er Feyenoord Rotterdam noch vor dem HSV ebenfalls auf den europäischen Thron geführt hatte. Seinem allergrößten Triumph stand jedoch 1978 ein Pfosten in Buenos Aires im Weg. Hätte Rob Rensenbrink in der Nachspielzeit des Finales gegen Argentinien beim Stand von 1:1 nicht den Pfosten, sondern ins Tor getroffen, wäre Happel als Coach der Niederländer tatsächlich als Weltmeistertrainer in die Geschichte eingegangen, so bleibt ihm nur der Titel des "Wödmasta", einer sehr eigentümlichen Ehrerbietung in seiner österreichischen Heimat.

Klaus Dermutz nimmt sich im vorliegenden Buch den kompletten Lebensweg Happels von der Wiege bis zur Bahre vor und streift dabei auch die jeweiligen vorherrschenden Zustände, die den Charakter Happels maßgebend prägten. Dermutz schildert Happel als einen Trainer der aussterbenden Art, als jemanden, der selbst bei einem Siegtor in der Nachspielzeit seelenruhig auf seiner Bank sitzenblieb und niemals emotionale Ausbrüche hatte oder Veitstänze an der Seitenlinie vollführte, ein Verhalten, das aktuell in der Bundesliga dank Klopp und Co. gerade sehr kontrovers diskutiert wird. In zwei Interviews im Anhang des Buches, die der Autor 1986 und 1991 mit Happel führte, erhält der Leser noch tiefere Einblicke in das Seelenleben des Wieners. Außerdem kommen mit Beckenbauer und Magath zwei Spieler Happels in Interviews zu Wort, die beide den knorrigen Kettenraucher als prägend und maßgebend für ihre eigene Trainerkarriere bezeichnen.

Für Fußball-Liebhaber mit Hang zur Nostalgie ist "Ernst Happel - Genie und Grantler" ein gefundenes Fressen, in das sie abtauchen können in die Tiefen der einstigen österreichischen Fußball-Romantik, in die Frühzeit des Europapokals und in die Siebziger und Achtziger, als Kaltz und Kempes noch mit heruntergerollten Socken den Rasen beackerten. Glücklicherweise hat Klaus Dermutz sein über viele Jahre auf Eis gelegtes Buchprojekt doch wieder aufgenommen und die Leser im deutschsprachigen Raum mit dieser höchst gelungenen Happel-Biographie beglückt. Kenner der Fußball-Literatur sind nicht verwundert, dass das vorliegende Buch im Werkstatt-Verlag erschienen ist, sind die Göttinger doch die erste Adresse hierzulande, wenn es um hochwertige Fußballbücher geht.

Christoph Mahnel
07.01.2013

 
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Das Buch:

Klaus Dermutz:
Ernst Happel - Genie und Grantler. Eine Biografie

Bild: Buchcover Klaus Dermutz, Ernst Happel - Genie und Grantler. Eine Biografie

Göttingen: Verlag Die Werkstatt 2012
336 S., € 19,90
ISBN: 978-3-89533-934-9

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